Was tun, wenn man einen Politiker gerne wählen würde, ihn aber nicht wählen kann? Klaus Lachetta schreibt Anfang Februar eine E-Mail an die SPD. Ob es stimme, was er in der ZEIT gelesen habe: dass Martin Schulz einmal in Straßburg Foie gras gegessen habe, Stopfleber? Die Frage sei dringlich, denn einen Mann, der den Tierschutz missachte, könne er keinesfalls wählen, auch wenn er einmal ein "leidenschaftlicher SPD-Wähler" gewesen sei. "Ich hoffe", schreibt Lachetta, "dass Martin Schulz nicht nur für die Schwachen (Menschen), sondern auch für die Schwächsten und Wehrlosesten (sog. Nutztiere) eintritt. Andernfalls würde ich eher AfD wählen als einen ›Sozi‹, der die Schwächsten vergisst." Rasch fügt er hinzu, das mit der AfD sei "nur eine Aussage, die zeigen soll, wie sehr ich ›Stopfleberesser‹ verachte".

Kurz darauf, an einem Samstag, bekommt Lachetta Antwort. Absender ist der SPD-Parteivorstand. "Hallo!", schreibt der Parteivorstand, "Du erhältst diese E-Mail, weil Du die SPD unterstützen möchtest." Es folgen ein Link, ein Hinweis auf den SPD-Infoletter und herzliche Grüße. Lachetta liest und staunt und schreibt noch einmal. So schnell gibt er nicht auf.

Begonnen hat diese Geschichte im Januar. Nachdem Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten bestimmt wurde, kursierte in Berliner Unionskreisen ein Dossier mit Informationen, die sich im Wahlkampf möglicherweise gegen den SPD-Mann verwenden ließen. Die ZEIT berichtete darüber (Nr. 8/17). Das Dossier war anonym verfasst, die Autoren versuchten unter anderem, Schulz als "Großverdiener" darzustellen, der "einen Lebensstil der Oberklasse" pflege. Einer der absurden Vorwürfe lautete: "Er isst gerne gut." Als Beleg diente den Autoren ein Bericht der Financial Times. Die britische Zeitung porträtiert Politiker gelegentlich bei einem Mittagessen, Lunch with ... heißt die Kolumne. Als Schulz mit einem Journalisten der Financial Times zu Tisch saß, hatte er Foie gras gewählt, als Vorspeise für 25 Euro.

Der Versuch, den Mann aus Würselen als Salon-Sozi zu diskreditieren, verpuffte. Nur unser Tierschützer war entsetzt. Er gönne Martin Schulz "neidlos jeden Luxus", schreibt Klaus Lachetta, als er sich erneut an die SPD wendet: "Ich gehöre selbst zu der Einkommensgruppe, die sich leicht Foie gras leisten kann. Ich würde aber lieber trocken Brot und Wasser zusammen mit Obdachlosen nehmen, als am Tisch neben Martin Schulz Stopfleber zu speisen."

Maisbrei in den Magen. Durch ein Rohr. Viermal am Tag

Tierschützer und Feinschmecker führen seit Langem eine erbitterte Auseinandersetzung um die Foie gras. Um das Produkt herzustellen, werden Enten oder Gänse "gestopft": Bis zu viermal am Tag wird ihnen durch ein Rohr Maisbrei in den Magen gepumpt, sodass ihre Leber innerhalb weniger Wochen auf ein Vielfaches ihres ursprünglichen Gewichtes anschwillt. Dass das Stopfen nicht artgerecht ist, steht außer Frage. Umstritten ist, wie sehr die Tiere darunter leiden.

Auf den Internetseiten von Tierschutzorganisationen findet man fürchterliche Aufnahmen von Enten und Gänsen, die zum Zwecke des Stopfens bewegungsunfähig gehalten werden und teilweise grausam verenden. Der Verband der europäischen Foie-gras-Produzenten, Euro Foie Gras, hält dagegen: Das Stopfen basiere auf einem "natürlichen Phänomen der Fett-Akkumulation".

Lachettas zweite Mail landet in der Abteilung Direktkommunikation der SPD-Zentrale, diesmal antwortet ihm ein Mitarbeiter persönlich. Die Frage, ob Schulz Stopfleber esse, könne er nicht beantworten, schreibt der SPD-Mitarbeiter. Etwas patzig fügt er hinzu: "Das ist auch Privatsache!" Im Anschluss kopiert er drei Absätze aus einem SPD-Papier in die Mail. Der pflegliche Umgang mit Tieren, erfährt Lachetta, sei für die Sozialdemokraten eine "ethische Verpflichtung", außerdem setze sich die Partei dafür ein, Forschungsaktivitäten auszubauen und alle Tierschutzaktivitäten auf Bundesebene zu bündeln.

Aber hilft das der Gans? Für einen Überzeugungstäter wie Lachetta klingen die Sätze hohl. In einer seiner vielen Mails ruft er zum "radikalen Kampf" auf, ein anderes Mal erinnert er die SPD an ihren stolzen Widerstand gegen Hitlers Machtergreifung 1933. Und fügt hinzu: "Ich bin kein Pulloverstricker, sondern ein ehemaliger Fallschirmjäger."

Erst vor Kurzem hat Klaus Lachetta zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter acht Hühner, die bis dahin in Legebatterien lebten, bei sich aufgenommen. "Rettet das Huhn" heißt die Aktion. Auch zwei Ponys, drei Hunde, mehrere Hasen und eine kleine Ziege hat die Familie vor dem Tierheim oder dem Schlachter bewahrt. Er würde gerne mehr tun, schreibt Lachetta, aber schon jetzt verschlinge das Engagement viel Zeit und einen großen Teil seines Geldes. Ein Leben mit amnestierten Hühnern, weitab von der Currywursthauptstadt Berlin.