Bei Ikea begann der Prinz zu bluten. Er war gerade auf dem Weg zur Kasse, seine Frau mit dabei, es war der 20. Juni 2014. Der Prinz stoppte, er sagte: "Ich blute", und spuckte Blut in ein Taschentuch. Sie ließen ihre Einkäufe liegen, rannten zum Auto, sie setzte sich ans Steuer, auf dem Beifahrersitz Prinz Michael I., ein Taschentuch vor dem Mund und nass geschwitzt vor Angst. "Wird alles gut", sagte seine Prinzessin und strich ihm über die Hand.

Dann fuhren sie los: Michael und Barbara Mieleszko, seit 26 Jahren ein Ehepaar, seit einem halben Jahr das Prinzenpaar des Dortmunder Karnevals.

Eine Woche zuvor waren Michael Mieleszko, 48 Jahre alt, die Mandeln entfernt worden, OP-Beginn 12.15 Uhr, OP-Ende 12.45 Uhr, unauffälliger Heilungsverlauf.

Als sie das St.-Johannes-Hospital erreichten, hörte die Blutung auf. Jetzt, fand er, müsse man eigentlich gar nicht mehr reingehen. Aber sie, in Sorge, bestand auf einer Untersuchung. Die Ärzte beruhigten das Paar. Eine Nachblutung, kann passieren nach einer Mandeloperation. Trotzdem – besser über Nacht zur Kontrolle bleiben. Bei weiteren Nachblutungen muss man eventuell die Wunde nähen, aber auch das: nichts Schlimmes. Routine. Seine Frau holte ihm von zu Hause das Nötigste, Klamotten, Zahnbürste, Deo. Ein letzter Kuss. Bis morgen.

Um 22.00 Uhr eine SMS aus der Klinik: "Danke für die Sachen, ich liebe Dich".

Um 22.31 Uhr eine zweite: "Die Blutungen haben wieder angefangen".

Weit nach Mitternacht klingelte das Handy von Barbara Mieleszko. Sie hatte kein Auge zugetan, war durch die Wohnung gewandert, auf ein Lebenszeichen ihres Mannes wartend. Es war keines gekommen.

Ob sie in die Klinik kommen könne, fragte die Stimme in der Leitung. Herr Mieleszko habe operiert werden müssen, dabei seien Komplikationen aufgetreten. Barbara Mieleszko rief ihre Töchter an, die beide in der Nähe wohnen. Zu dritt machten sie sich auf den Weg ins Hospital. Der Oberarzt der Anästhesiologie, Hubertus H., erwartete sie schon, sprach von Schwierigkeiten bei der Beatmung, von Sauerstoffmangel: Hypoxisches Hirnödem mit zunehmender Hirndrucksymptomatik. Der Patient war ohne Bewusstsein.

Drei Tage später wurde Michael Mieleszko in die neurochirurgische Klinik des Klinikums Dortmund verlegt. Dort ein letzter Versuch, mittels Nadeldrainage rechts frontal für eine Entlastung des Hirndrucks zu sorgen. Doch die entstandenen Schäden waren zu groß. Die Therapie wurde auf palliative Maßnahmen reduziert. Am 2. Juli 2014, um 11.42 Uhr, starb Michael Mieleszko, der Karnevalsprinz von Dortmund.

"Wer", fragt Barbara Mieleszko, "denkt schon an einen Behandlungsfehler? Man sagt ja immer: Götter in Weiß – denen kann man nichts." Der Tod ihres Mannes wäre wohl folgenlos geblieben – keine Gutachten, keine Ermittlungen, keine Fernsehkameras –, hätte nicht die Ärztin Claudia B. im Klinikum Dortmund die Ehefrau Mieleszko zur Seite genommen und ihr geraten: Nehmen Sie sich einen Anwalt. Bei der zweiten OP ihres Mannes im St.-Johannes-Hospital sei etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen.

Und nun also sitzt Barbara Mieleszko, 50, an diesem kalten Februarmorgen 2017 mit ihrem Rechtsanwalt Christian Koch, spezialisiert auf Medizinrecht, vor der Zivilkammer des Landgerichts Dortmund. Ihr gegenüber haben Platz genommen: Alexandra P., in jener Nacht diensthabende Narkoseärztin, der verantwortliche Oberarzt Hubertus H. und, als Vertreter des St.-Johannes-Hospitals, Michael Sydow, Chef der Anästhesie. Grob fahrlässig sollen sie während der Operation gehandelt, danach Fehler vertuscht, die Dokumentation manipuliert haben.