Zwei Tage will Marie Semberg auf der Ostsee segeln, also packt sie nur schnell das Nötigste ein. Ihre Segelkleidung, einen Schlafsack, ihr Handy, etwas Geld und die EC-Karte. Den Geldbeutel mit den anderen Karten lässt sie in der Wohnung, ihren Ring auch, ein Familienstück, das ihr besonders am Herzen liegt. Gegen sieben Uhr abends verschließt sie ihre Zimmertür an diesem 31. August 2016, sie verlässt ihre Wohnung, ohne sich noch einmal umzuschauen, ohne Abschied zu nehmen. Warum auch? Sie kann ja nicht ahnen, dass diese Reise der Beginn eines monatelangen Horrortrips ist, der immer nur schlimmer wird, wie sie heute sagt.

Nach drei Tagen steht Marie Semberg wieder vor dem Haus an der Außenalster, in dem sie seit sieben Jahren wohnt. Aber ihr Schlüssel passt nicht mehr ins Schloss.

Marie Semberg ruft die Polizei, doch als die Beamten klopfen, rufen und klingeln, öffnet niemand, auch nicht im Büro der Besitzerfamilie im Erdgeschoss des prachtvollen Hauses, eines der ältesten in der vermutlich schönsten und teuersten Lage der Stadt. Die Polizisten gehen wieder. Kurz darauf gelingt es Marie Semberg, das Oberhaupt der Besitzer- und Vermieterfamilie per Handy zu erreichen. Er teilt ihr mit, dass sie in dem Haus keine Wohnung mehr habe und Post vom Anwalt bekommen werde. Dann legt er auf.

So erinnert sich Marie Semberg, deren Name für diesen Artikel geändert wurde, an das Gespräch. Sie hat ihre Erlebnisse in einem Protokoll für die Kriminalpolizei zusammengefasst. Es ist sieben Seiten lang.

Was sich anhört wie eine Fiktion von Franz Kafka, ist ihr reales Leben. Ihr gesamter Besitz: verschwunden. Alles, was in ihrer Wohnung war: weg.

Seit sieben Monaten erlebt Semberg, wie quälend langsam die Hamburger Ermittlungsbehörden arbeiten. Und wie eine Vermieterfamilie, die schon öfter aufgefallen ist in der Stadt, offenbar denkt, "das Recht in eigene Hände nehmen zu können". So formuliert es Stefan Schmalfeldt, der Leiter der Rechtsabteilung im Hamburger Mieterverein.

"Kalte Räumung" nennen Experten das, was Marie Semberg passiert ist. Doch an einen Fall wie diesen, in dem der Vermieter derart rabiat auftritt, kann sich Schmalfeldt nicht erinnern. Experten kommen nach einigem Nachdenken allenfalls auf einen Fall in Reinbek, wo ein jähzorniger Vermieter vor gut zehn Jahren die Habseligkeiten eines säumigen Mieters von einer Räumungsfirma abholen und einlagern ließ. Aber dass er sie einfach irgendwo versteckt? Das ist selbst für eine Millionenstadt wie Hamburg außergewöhnlich.

Der Anblick schockiert sie: Alle Schränke sind leer, alle Möbel und Sachen verschwunden

Marie Semberg, 39 Jahre alt und PR-Beraterin, ist verzweifelt. Sie kommt erst einmal bei Freunden unter und schläft auf dem Sofa. Freunde spenden ihr Kleidung. Ihre Segelschuhe trägt sie wochenlang, auch weil sie anfangs hofft, ihre Wohnungseinrichtung bald wiederzusehen.

Gleich nach ihrer Rückkehr am 3. September versucht sie, mit dem Schlüsseldienst in ihre Wohnung zu kommen. Vergeblich. Zwei Mitglieder der Vermieterfamilie stellen sich ihr in den Weg, beschimpfen sie und versuchen, dem Mann vom Schlüsseldienst den Werkzeugkoffer zu entreißen, sagt sie. Als die erneut alarmierte Polizei eintrifft, behauptet das Familienoberhaupt, Marie Semberg sei vor drei Tagen ausgezogen, sie habe das Haus mit einem großen Koffer verlassen und ihren Schlüssel in den Briefkasten geworfen. Marie Semberg beteuert, das stimme nicht, sie habe ihren Schlüssel ja dabei. Die Beamten tun nicht viel mehr, als Anzeigen aufzunehmen. Marie Semberg zeigt das Familienoberhaupt an wegen besonders schwerem Diebstahl, Nötigung, Beleidigung und versuchter Körperverletzung. Das Familienoberhaupt zeigt sie wegen Hausfriedensbruchs an.