Als ich mir morgens im Untergeschoss der Charité Kittel und Mundschutz anlegte und Hände und Unterarme desinfizierte, war ich angespannter als sonst. Mein Patient litt an der Moyamoya-Krankheit: Seine Hirnarterien waren verengt, und er hatte seit der Geburt mehrere Schlaganfälle entwickelt. Der Junge war neun Monate alt, wog drei Kilo und verfügte nur über 300 Milliliter Blut. Ein solcher Patient darf kaum Blut verlieren, jeder Druckabfall kann einen neuen Schlaganfall auslösen.

Das Kind lag in Narkose auf dem OP-Tisch. Der Schädel war rasiert, die Schnittführung mit schwarzem Filzstift vorgezeichnet. Im OP sind wir etwa ein Dutzend Leute: Assistenzärzte, die Anästhesistin, OP-Schwestern, Medizinstudenten. Wir unterhalten uns, manchmal klingelt ein Telefon, das Radio läuft. All das gehört zur Routine, es löst auch die Spannung.

Längs zu dem Gefäß, das unser Bypass werden sollte, trennte ich mit einer Schere die Kopfhaut auf, schnitt das Muskelgewebe durch und fixierte beides mit Klammern. Dabei tropfte ein bisschen Blut, das ist normal.

Mit einer speziellen Säge, die wie ein Zahnarztbohrer surrt, trieb ich dann ein kleines Loch in den Schädel und sägte von dort aus ein handtellergroßes Stück heraus. Dabei fliegen feine Knochenspäne, und der Geruch erinnert viele an verbranntes Fleisch.

Je näher die Schädeleröffnung rückte, desto höher stieg mein Puls. Die Gespräche verstummten. Alle hofften, ein normal entwickeltes Gehirn zu sehen. Aber als ich das Knochenstück herauslöste, bin ich doch ein wenig erschrocken: Zwischen Schädeldecke und Gehirn waren etwa zwei Zentimeter Platz. Durch den chronischen Mangel an Blutversorgung war das Gehirn viel kleiner, als es sein sollte.

Ich hatte nun 20 bis 30 Minuten. In dieser Zeit musste ich das Gefäß, das wir umgehen wollten, an zwei Stellen aufschneiden, abklemmen und den Bypass aufnähen. Dabei schaute ich ununterbrochen durch ein Mikroskop. Auch jetzt sprach kaum jemand ein Wort, auch das Radio war aus. Erst als der Bypass vernäht war und wir sicher waren, dass kein Blut austrat, löste sich die Spannung.

Am nächsten Morgen sahen wir in der Kernspintomografie, dass das Kind während der OP trotz unserer Bemühungen einen weiteren Schlaganfall erlitten hatte. Es dauerte 72 sehr aufwühlende Stunden, bis die Kollegen von der Intensivmedizin den Jungen wieder stabilisiert hatten. Danach hatte er zwar erfreulicherweise keine weiteren Schlaganfälle. Ich bin mir aber sicher: Die Krankheit wird bleibende Schäden hinterlassen.

Protokoll: Daniel Kastner

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