Mitten in der Osternacht wird eine einzige Kerze in die völlig dunkle und völlig stille Kirche getragen. Ihr Licht wird auf die Kerzen der Versammelten verteilt und es wird dadurch ein bisschen heller, aber noch nicht sehr. Dann gelangt die große neue Osterkerze an ihren prominenten Platz vor dem Altar. Damit hat die erfolgreichste Metapher der Weltgeschichte sichtbar Einzug gehalten: Das Licht ist da.

Danach erklingt, vorgetragen von Diakon, Priester oder Kantor, das Exsultet, das Osterlob, ein gesungener Hymnus, ein einziger Triumph, ein Riesenjubel, eine betörende Verführung zum Glauben, ein Schein aus höchster Höhe. "Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel!" "Frohlocket, ihr Chöre der Engel, frohlocket, ihr himmlischen Scharen!" Kurz darauf erklingen im Text schon die Posaunen, festlicher geht es nicht mehr.

Das Osterlob – man kann es nur ein einziges Mal im Jahreslauf hören, was seine Exklusivität natürlich steigert – gehört sprachlich zum Allerfeinsten, was die christliche Liturgie jemals hervorgebracht hat, und damit erfüllt das Exsultet eine ganz wichtige Funktion. Es macht die heiklen österlichen Geheimnisse durch Schönheit zugänglich.

Denn Ostern ist schwer. An Ostern kann man sehr leicht scheitern. Ostern ist ein Mysterium, an dem für Christen alles hängt. An Ostern muss man glauben können, sonst ergibt alles andere eigentlich keinen Sinn, sonst stürzt das gesamte Religionsgebäude zusammen. Doch das Erlösungsgeschehen zu Ostern ist komplex. Es ist eine ganz harte Übung für Glaube und Verstand. Genau hier eröffnet das Exsultet einen dritten Weg. Den der Empfindung.

Dies ist die Nacht,/ die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,/ scheidet von den Lastern der Welt,/ dem Elend der Sünde entreißt,/ ins Reich der Gnade heimführt/ und einfügt in die heilige Kirche.

Das Exsultet (nach seinem lateinischen Einsetzungswort "exsultet", "es jauchze") ist alt. Seine Wurzeln kann man zurückverfolgen bis in die Spätantike. Wahrscheinlich ist es vor rund anderthalb Jahrtausenden im Umfeld des heiligen Ambrosius von Mailand entstanden. Unklar. Klar ist, die Exsultet-Autoren verfolgen in ihrem Hymnus einen hohen Stil mit scharf kalkulierten Effekten. In der klassischen Rhetorik zeichnet sich der hohe Stil, das genus grande , durch reichen Schmuck aus: Viele Adjektive, eindringliche Bilder, komplizierte Syntax, altertümelndes Vokabular und dramatische Metaphern sollen ein riesiges Maß an Pathos erzeugen und so das Gemüt überwältigen. Und infolgedessen den Zuhörer vom Anliegen des Textes überzeugen. Das Anliegen des Exsultet ist die Auferstehung, ist die Erlösung. Welches Thema könnte größer sein?

Dies ist die selige Nacht,/ in der Christus die Ketten des Todes zerbrach/ und aus der Tiefe als Sieger emporstieg./ Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren,/ hätte uns nicht der Erlöser gerettet.

Ein ehrfurchtgebietendes Sujet verlangt nach Metaphern, die einen gewissermaßen durchschütteln. Ein Gemarterter, der Ketten sprengt, gehört dazu. Ein Todesüberwinder ist erhaben, steht außerhalb der Naturgesetze, und als solchen inszeniert das Osterlob Christus. Durch die direkte Anrede des Publikums während des ganzen Gesangs sind wir, ist die Zuhörerschaft quasi in den Erlösungsprozess und die Heilsgeschichte mit hineingenommen. Und das in der Osternacht selbst, in der alles genau so geschehen sein soll, wie im Exsultet berichtet.

Das Osterlob ist deshalb so suggestiv, weil es unglaubliche Glaubensinhalte und krasse Paradoxien am Verstand vorbeischmuggelt. Ostern ist Ursache und Wirkung gleichermaßen; es ist seine eigene Prämisse und gleichzeitig seine Schlussfolgerung. Schon das klingt unlogisch bis widersprüchlich, aber das Exsultet setzt, natürlich poetisch verschönert, noch einen drauf:

O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,/ du wurdest uns zum Segen,/ da Christi Tod dich vernichtet hat./ O glückliche Schuld,/ welch großen Erlöser hast du gefunden!