Düfte schnorren

Ein Mann sollte sich im Vorbeigehen pflegen. Ich meine das wörtlich. Mein Friseur befindet sich im dritten Stock einer Karstadt-Filiale, auf dem Weg dorthin komme ich an der Kosmetikabteilung vorbei. Ich parfümiere mich jedes Mal ein, das geht rasend schnell: Griff ins Regal, Testflasche raus, Sprühstoß auf den Hals, Sprühstoß aufs Handgelenk, Tester zurück. Bei mir ist das quasi eine Bewegung; man müsste das filmen und langsamer abspielen, um zu sehen, dass da mehrere Handgriffe im Spiel sind. Beim Friseur heißt es dann immer: Ah, Sie haben einen neuen Duft. Oder: Nee, das Parfum ist aber nicht so gut.

Letztlich sind es nie gute Parfums, weil die teuren Düfte meist in der Mitte der Kosmetikabteilung stehen, dort, wo Firmen wie Chanel und Hermès ihre Stände haben. Außen, entlang der Gehrouten, befinden sich die Schnäppchentische und -regale. Und die Grabbelwannen – Bottiche mit Markenduschgels, die verdächtig stark heruntergesetzt sind. Die duften auch ziemlich intensiv, aber man müsste den Verschluss aufmachen, was ein unangenehm lautes Knacken verursachen würde. Und dann einen Tropfen herausquetschen, sodass man was zum Schnuppern hat, das ist riskant. Nicht dass man versehentlich einen Batzen Gel aus der Tube spratzt und nichts zum Abwischen dabeihat. Man könnte das natürlich üben, aber wer hat dafür schon die Zeit?

Deshalb halte ich mich an die Parfums aus der Jetzt-zugreifen-Zone. In den Kaufhäusern sind das meistens Düfte aus den Achtzigern, die eigentlich aus der Mode gekommen sind, sich aber derart fest im allgemeinen Bewusstsein verankert haben, dass sie sich immer noch verkaufen.

Ich bin in den Achtzigern aufgewachsen, für mich ist die Eigenparfümierung jedes Mal eine Zeitreise. Drakkar Noir kam 1982 auf den Markt, der Flakon sieht aus wie ein bescheuertes Handy, bei dem vergessen wurde, Tasten anzubringen. Der Duft ist total selbstreferenziell: Wenn man jemandem, der mit Falco und Bret Easton Ellis groß wurde, sagt, etwas rieche wie Drakkar Noir, ist sofort alles klar. Das Parfum wird in American Psycho sogar erwähnt, und ich weiß bis heute nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.

Griffbereit in der Schnäppchenreihe stehen außerdem immer: Fahrenheit von Dior und Cool Water von Davidoff. Beide Parfums sind von 1988, man trägt sie auf und denkt an Steffi Graf, das Gladbecker Geiseldrama und den Abzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan. 1988 sang Rick Astley Never Gonna Give You Up, ich bin dazu über den Dancefloor einer Kleinstadtdiskothek getaumelt, in einer Wolke aus Cool Water und Teenager-Verzweiflung. Bis heute steckt für mich der Geist dieser Zeit in einer blauen Flasche aus dem Schnäppchenregal bei Karstadt.

Beiläufiges Parfümieren geht auch privat, zum Beispiel wenn man eingeladen ist. Das abgeschlossene Sanitärschränkchen hat weitgehend ausgedient, die Leute lassen ihre Kosmetik frei herumstehen. Da kann man schauen, welches Eau de Toilette im Gebrauch ist. Ich finde, ein kleiner Spritzer aus dem Flakon des Hausherrn ist kein Vergehen, man muss nur ein bisschen warten, damit man nicht in einem Parfumdunst aus dem Bad kommt. Oder man sagt gleich offensiv: "Ich habe Ihr Aftershave getestet. Hossa, Ihre Frau muss hart im Nehmen sein!"

Die schönste Art der Selbstbeweihräucherung habe ich im Beruf erlebt. Einer meiner Chefs, Leiter der Boulevardabteilung einer sehr großen deutschen Tageszeitung, hatte in seinem Büro ein Buffet, darauf standen keine Getränke oder Gläser, sondern Flakons. Immer wenn ich zu ihm hereinkam, sagte er "Bitte schön!" und zeigte auf die Parfums, und dann gab es einen Spritzer Knize, Floris oder Creed. Die teuersten Düfte waren auf diesem Sideboard versammelt.

Ich verdanke diesem Mann viele anregende Gespräche, aber die vielleicht wichtigste Lektion lag in diesem Ritual.

Das Flüchtige, Beiläufige, Leichte ist nicht zu unterschätzen, habe ich damals, umwölkt von Smalltalk und Eau de Cologne, gelernt. Im Gegenteil: Man muss es kultivieren mit derselben Hingabe wie die großen, gewichtigen Dinge.