Im Plattenladen läuft keine Musik. Der Besitzer Uwe Schmandin will Amy Winehouse auflegen, wird aber immer wieder abgelenkt: Ein Typ mit Longboard und roter Wollmütze kauft ein T-Shirt der Band Acid aus den Achtzigern ("Echt, das ist noch original aus der Zeit? Wahnsinn!"). Ein weißhaariger Mann wischt auf seinem iPad Fotos von einem Plattenspieler hin und her ("So was kriegst du heute nicht mehr!"). Ein DJ aus Bukarest fragt nach House-Musik ("Ich mag Köln. Berlin ist way too full jetzt!").

Seit mehr als zwanzig Jahren steht Uwe Schmandin, 56, zottelige graue Haare, schwarzer Pulli mit dem Aufnäher "Hardrock-Café Cologne", hinter seiner Ladentheke. Doch an die Kunden in seinem Geschäft muss er sich noch gewöhnen. Während er jahrelang kurz vor der Pleite stand, betreibt er heute einen der beliebtesten Schallplattenläden in Köln.

Einen schlechteren Zeitpunkt, um Plattenhändler zu werden, hätte Uwe Schmandin sich nicht aussuchen können: 1994, als die Labels aufhörten, LPs zu pressen, und die Kunden anfingen, CDs in neonfarbene Plastikständer zu sortieren. Vinyl galt als altmodisch. CDs waren angesagt, MP3 sollte es noch werden. Uwe Schmandin war das egal. Er mietete eine Ladenfläche und hängte ein Schild davor: "Nunk", nach seinem eigenen Spitznamen. Die Miete – 1.200 Mark – hätte er sich auch dann kaum leisten können, wäre sein Geschäft gut gelaufen. Aber der Laden lief gar nicht. An guten Tagen verkaufte er ein, zwei Platten. Nach wenigen Wochen war er pleite.

Doch Schmandin gab nicht auf. "Platten waren für mich nie nur ein Geschäft", sagt er. Schmandin hatte vorher als DJ gearbeitet und immer davon geträumt, von der Musik zu leben. Er zog in ein günstigeres Ladenlokal. Am Wochenende richtete er Sockenhändlern die Schaufenster ein und organisierte Poolpartys in der Kölner Vorstadt. Trotz allem war sein Konto oft schon Mitte des Monats so überzogen, dass er Strom über ein Kabel bei seinem Nachbarn abzapfen musste. "Zum Glück wollte mir damals keine Bank einen Kredit geben", sagt er, "das wäre mein Untergang gewesen."

Heute muss Uwe Schmandin sich keine Sorgen mehr machen. An den Samstagen drängen sich oft so viele Kunden in den schmalen Gängen seines Ladens, dass er kaum an die Regale kommt. "Ich bin kein Millionär geworden, aber es läuft", sagt er.

Dabei hat Schmandin sein Konzept kein bisschen verändert. Doch die Welt um ihn herum hat sich gewandelt. Das Belgische Viertel, in dem er seinen Laden betreibt, ist zum Szeneviertel Kölns geworden. Seine neuen Kunden sind jung, stammen aus der ganzen Welt, tragen viel zu große Tweedjacken und Turnbeutel auf dem Rücken. Der Laden ist ein Paradies für Hipster. Und für Menschen, die es nostalgisch mögen: Antikmöbel, alte Kinostühle, selbst gemalte Plattentrenner. In den Regalen stehen Videokassetten von Kiss und den Backstreet Boys, an der Wand hängt eine Jimi-Hendrix-Platte. Schmandins Laden ist ein authentisches Fossil, aus einer Zeit ohne Spotify. Und das gefällt seinen neuen Kunden offenbar.

Uwe Schmandin nippt an einer Flasche Kölsch. Neben seinem Tresen steht ein Kühlschrank, darin zwei Sorten Bier und Bionade. Nunk ist kein Laden, in dem man nur einkauft. Es ist einer, in dem man verweilt. "Einmal war ein Kunde so lange da, dass ich ihn vergessen habe", sagt er. Der habe dann nachts die Scheibe eingeschmissen.

Schmandin erzählt das voll Stolz. Auch er hält selten seine Öffnungszeiten ein. Auf ein Bier folgen oft noch ein paar Schnäpse mit Stammkunden. Er zeigt auf einen Pappkarton. "Fünfzig Jahre Schlager" steht darauf. "Die haben wir mal aus Spaß auf einem alten Grammofon gehört, bis zwei Uhr morgens", sagt er und grinst. "Entschleunigung" sei für ihn Geschäftskonzept. Auch das zieht seine Kunden in den Laden. Wenn Schmandin ihre Geldscheine langsam in die alte schwarze Kasse auf dem Tresen sortiert, können sie für einen Moment den Trubel ihres Alltags vergessen.

Doch mit der Nachfrage kam auch die Konkurrenz. Schmandin zieht eine eingeschweißte Platte aus dem Karton und zeigt auf das Kleingedruckte: Grönland Records. "Selbst Grönemeyer hat ein Label", sagt er. Fast alle Alben werden heute wieder auf Platte gepresst. Schmandins Kunden suchen aber vor allem Gitarrenrock aus den Siebzigern, gebraucht. Doch solche Sammlungen seien heute schwerer zu bekommen, erzählt er. Alben, die er früher für ein paar Euro bekam, kosteten ihn heute das Vierfache. Auch er müsse daher die Preise erhöhen. "Plötzlich muss ich busy sein", sagt er. Und das stört ihn.

Uwe Schmandin hat das erreicht, wovon er seit mehr als zwanzig Jahren träumt: Er kann von seinen Platten leben. Trotzdem wünscht er sich manchmal die Tage zurück, an denen er sie nur an Liebhaber verkaufte. Vermutlich macht er sich damit noch beliebter. Denn auch das gehört zu seinem Erfolgsgeheimnis: sich immer ein wenig nach der alten Zeit zu sehnen. "Ich habe sogar schon überlegt, den Laden zu schließen", sagt er. Einen schlechteren Zeitpunkt dafür könnte er sich wohl kaum aussuchen.