Dem deutschsprachigen traurigen Liebeslied konnte man bisher vieles unterstellen, eines aber nicht: dass es provokant oder heikel wäre. Musste es ja auch nicht sein, nur als Funktionsware für die Gebeutelten funktionieren, denen gerade Mann, Frau oder nicht binärer Lebenspartner weggelaufen ist. Wer (Gott gebe ihnen Kraft!) gerade in so einer Sollbruchstelle der eigenen Biografie versumpft und sich abwechselnd mit YouPorn und Spotify tröstet, der wird plötzlich aber aus drei aktuellen Liebeskummerliedern politischen Zunder heraushören. Die Songs gehören zu den interessanteren Deutschpop-Produkten, zu denen man gerade im Risotto rührt, oder was man 2017 so zu Popmusik macht.

Der Schweizer Liedermacher Faber, ein 23-jähriges Bürschli mit der Stimmfarbe eines kettenrauchenden Uropas und der Frisur des frühen Bob Dylan (drunter dürfen die 23-Jährigen heute nicht mehr auf die Bühne oder auch nur aus dem Haus), ist nicht nur ein Kehlkopfwunder, sondern auch ein begnadeter Texter. Kein Ausrutscher ist es also, wenn er, zu leichtem Gitarrenspiel, als flatterten die Saiten in einer Brise, in der ersten Single seines heiß erwarteten Debütalbums das lyrische Ich sich von der Ex folgendermaßen verabschieden lässt: "Und jeder Jäger träumt von einem Reh / Jeder Winter träumt vom Schnee / Jede Theke träumt von einem Bier / Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?" Ganz ähnlich auch die Berliner Band Von Wegen Lisbeth, die ihre Großstadt-Zielgruppe mit handgedrechselten Binnenreimen und überbordendem Anspielungsreichtum versorgt. Bitch heißt ihr Trennungssong. Refrain: "Bitch, ich bin für dich den ganzen Weg gerannt, den ganzen Weg alleine." Und dann noch, angenehm kunstlos getextet, dafür mit ihrem Markenzeichen, dem Sprech- oder besser Rufgesang, als bestellten sie gerade in der lauten Bar das dritte Bier, die Chemnitzer Band Kraftklub. In ihrem Beitrag zur neuen deutschen Liebeslyrik ist dem Typen die Frau für den besten Freund weggelaugfen. Er ruft ihr hinterher und schmeckt dabei die süße Rache jeder Silbe: "Du verdammte Hure / Das ist dein Lied / Dein Lied ganz allein / Das kannst du all deinen Freunden zeigen."

Huch, was singen diese lieb ausschauenden Männer denn da für schlimme Wörter? Statt "Flugzeuge im Bauch" oder "Bye bye, Junimond" als Abschiedsgruß also ein gepflegtes "verdammte Hure", statt "Denkst du vielleicht auch mal an mich?" (Selig) ein bisschen direkter: Warum träumst du nicht mehr von mir, du Nutte? Keiner dieser Kehrverse würde einen kratzen, käme er aus erwartbaren Ecken: aus dem Deutsch-Rap oder dem Busch hinterm Bahnhofsklo. Faber, Von Wegen Lisbeth und Kraftklub aber sind: ein Singer-Songwriter vom Musikgymnasium, die Indiepop-Band von Menschen, die Julian, Robert und Matthias heißen, oder maximal "so ’n Projekt, ’ne Indie-Band mit Rap" (die Hip-Hop-Crew KIZ sehr fies über Kraftklub). Die Genres also der linksliberalen Bravbären, die sonst gegen Rechts, für Feminismus und über Lampedusa singen, und wenn es privat um Frauen ging, dann darum, dass man zu schüchtern war, sie anzusprechen, oder nicht genau wusste, was man eigentlich will. Pop-Schmerzensmänner.

Jetzt scheint aus Unsicherheit wieder Wut zu werden. Die Songs markieren diesen Übergang, von Strophe zu Refrain, von "Und ja stimmt, dass ich vielleicht etwas konfliktscheu bin" zur "verdammten Hure", von "um kurz vor acht hab ich nicht an dich gedacht" zur "Bitch", vom scheuen "Reh" wieder zum "Jäger". Und, Mann, macht das Spaß. Wenn auch auf Kosten von Einfühlsamkeit und Rücksichtnahme.

Manche Fans nahmen Kraftklub die "Hure" übel, auf Facebook formierte sich nach Veröffentlichung ein kleiner feministischer Aufschrei. Als hätte den Empörten nicht vorher klar sein müssen, dass die Macht der Political Correctness niemals auch nur auf Armlänge an die Macht einer noch brutaleren Ideologie heranreichen würde: die der romantischen Liebe. Feminismus richtig und wichtig, aber die Nutte hatte mir doch versprochen, bei mir zu bleiben bis ins Pflegeheim!

Als Spätfolge eines Broken-Heart-Syndroms bleibt: Testosteronüberschuss. Dass dem Schmerzensmann-Pop diese Remaskulinisierung gut steht, dafür ist der kleine Hoffnungsschimmer verantwortlich, der in der Regression glimmt. Die Feuilletonistin Hannah Lühmann war zu Recht in der Welt am Sonntag einmal sehr abgetörnt vom linken Pop als "träger Massenintrospektion". Weil sich so ja nun wirklich kein politischer Rums entwickeln kann. "Wo ist der wilde linke Mann? Der Pöbelmann?", fragte sie. Der "humanistische Proll"?

Da ist er jetzt also.

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