Vier Franzosen sitzen beim Wein und diskutieren über die Präsidentschaftswahl am 23. April. Die Teilnehmer sind Bekannte oder Freunde des Pariser ZEIT-Korrespondenten Georg Blume, in dessen Wohnung das Treffen stattfindet. Der Ablauf ist sehr französisch: Man ist engagiert, bleibt höflich, oft reden alle gleichzeitig. Manchmal wird es philosophisch, am meisten wird über Kinder, Arbeitslosigkeit und die Nation gesprochen. Dass ein Sieg Marine Le Pens die EU in eine tiefe Krise stürzen würde, ist, anders als in Deutschland, nicht das beherrschende Thema.

Myriam: Ich habe das Gefühl, dass gerade etwas Wichtiges geschieht. Da wäre zum Beispiel der Kandidat Emmanuel Macron: Er hat gute Chancen und ist weder rechts noch links. Das ist neu. Die Leute werden unruhig. Ihnen fallen Sachen auf. Ich stand zum Beispiel neulich vor den Schließfächern einer Grundschule, sie waren gerade alle geöffnet. In fast allen Fächern hatten die Schüler Atemschutzmasken aufgehängt. Mir wurde plötzlich klar: Unsere Kinder sind krank. Der Planet ist krank. Die Situation ist nicht mehr normal. Das macht mir zu schaffen.

Jean-Philippe: Ich glaube nicht mehr, dass etwas von der Politik zu erwarten ist. Nehmen wir François Fillon, den Kandidaten der Konservativen: Er fordert tugendhafte Politik – und steckt in Skandalen. Macron, na gut, das ist schon interessant, dieses Auftauchen einer charismatischen Persönlichkeit, aber ich zweifle daran, dass er etwas umsetzen kann, wenn er gewählt wird. Nein, ich weiß nicht, wen ich wählen soll. Ich mache sowieso auf andere Weise Politik: Mit meinem Unternehmen will ich dazu beitragen, meine Region zu entwickeln. Wir bringen die Leute in Arbeit. Darauf kommt es an.

Hugues: Ich lebe in einer ehemaligen Bergarbeiterregion, in der seit über 100 Jahren immer nur sozialistisch oder kommunistisch gewählt wurde. Heute ist sie eine der unterentwickeltsten Zonen Frankreichs, aber die Politik verabreicht uns immer nur Palliativmedizin. Wir Kommunalpolitiker haben nichts zu melden. Alles wird von oben diktiert, von Brüssel oder den überregionalen Verwaltungen. Das muss aufhören.

Myriam: Ich bin aus tiefster Überzeugung links, aber derzeit finde ich mich bei keinem der Kandidaten wieder. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt wählen werde.

Judith: Ich schon: Macron. Bisher habe ich sozialistisch gewählt, aber vor einem halben Jahr, im Urlaub in Trouville in der Normandie, da habe ich auf dem Markt Studenten kennengelernt, die Flugblätter für Macron verteilt haben. Mit ihnen konnte ich meine Fragen diskutieren, das waren auch keine Bobos (so werden in Frankreich abgehobene junge Stadtbewohner genannt, Anm. der Re d.). Ich hab dann das Programm gelesen und beschlossen, bei Macrons Bewegung En Marche! mitzumachen. Da wird diskutiert, viele Frauen sind dabei, man ist offen und vielseitig – das ist Macrons Stil. Er will auch ein offenes und vielfältiges Europa, Le Pen dagegen den Rückzug hinter die nationalen Grenzen.

Die EU ist ein wiederkehrendes Thema am Tisch. An ihr scheiden sich im Wahlkampf 2017 die Geister.

Hugues: Nur weil wir vom Front National uns für echte Grenzkontrollen einsetzen, sind wir doch nicht rückwärtsgewandt. Einer der Hauptgründe, warum ich mich engagiere, ist ja gerade das, was ich auf meinen vielen Reisen durch Europa beobachtet habe: Die Vielfalt geht verloren. Stattdessen überall Einheitsregeln aus Brüssel. Regeln für die Steuern, die Umwelt, für ...

Judith: Die Europäische Menschenrechtscharta ist auch eine Einheitsregel! Und die unterschiedlichen Welten, Lebensstile, die Sitten, das bleibt doch alles bestehen.

Hugues: Die Lebensmittel zum Beispiel werden einander überall immer ähnlicher.

Judith: Aber nein, in den Bio-Supermärkten gibt es viele regionale Produkte. Oder nimm hier in Paris die Nachbarschaftskooperativen, die Lebensmittel oder Möbel und andere Sachen anbieten. In solchen Projekten lernt man, was einen von anderen unterscheidet und was man mit ihnen gemeinsam hat. Weißt du, ich habe immer in Paris gelebt. Und wenn ich mal woanders bin, zum Beispiel in Polen, dann fällt mir auf: Da sind ja nur Weiße. Das ist doch bizarr. Ich als Pariserin muss schon sagen: Ich fühle mich wohl in dieser täglichen Konfrontation mit dem Anderssein.