Bis zum G20-Gipfel Anfang Juli in Hamburg ist es noch hin, aber schon wird für Großdemonstrationen mobilgemacht, kleinere Terrorakte zum Anwärmen inklusive (Brandanschläge auf Polizeiwagen). Die Krawallfolklore wird bereits wie in einer Kinovorschau für die Fantasie der Öffentlichkeit entfaltet. Aber was haben die Gegner des Gipfels vorzubringen? Nichts – außer dass sich die Mächtigen der Welt auf ärgerliche und provozierende Weise treffen und dass dies, so die selbstverständliche Annahme, gewiss wieder zulasten der armen und werktätigen Bevölkerung ausgehen wird oder zumindest deren Lage nicht bessert.

Die Tagesordnungspunkte des Gipfels oder der Umstand, dass dort Arm und Reich, Mexiko beispielsweise ebenso wie die USA, an einem Tisch sitzen, spielen für den Affekt nicht die geringste Rolle. Es geht einfach gegen "die da oben", so wie es auch in AfD-Manifestationen oder Pegida-Demonstrationen unspezifisch gegen die Herrschenden und die "Elite" geht. Man wundert sich allerdings, dass die im weitesten Sinne linken Protestierer die Nähe zu dem rechtsradikalen Ressentiment nicht scheuen oder wenigstens als Anlass zu selbstkritischem Nachdenken betrachten. Aber vielleicht gehören Theorieferne und dumpfbackige Neigung zu blindem Losschlagen auch zur Signatur der Gegenwart, die sich über alle politischen Lager erstreckt, also letztlich unpolitisch ist.

Untertanenmentalität in Hamburg © Christian Charisius/dpa

Man würde gerne einwenden, dass ohne konkrete Adresse solche Proteste dann auch keine politischen, sondern rein polizeiliche Reaktionen auslösen. Doch selbst das ist schon in den Gefühlshaushalt der Szene eingespeist; auf den Flyern und Graffiti werden nur noch die "Bullen" als Feinde benannt. Früher hätte man zwischen dem "System" oder dem "Kapitalismus" einerseits und seinen Erfüllungsgehilfen andererseits, den Bütteln oder Lakaien (je nach Terminologie), unterschieden. Aber früher war früher; heute ist bloß Radau.

Das altmodisch präzise und tapfere Gegenmodell lässt sich derzeit noch in Ungarn besichtigen, wo Zehntausende gegen ein Hochschulgesetz demonstrierten, das die liberale Central European University des Mäzens George Soros vertreiben soll. Mit den Budapester Protesten verhält es sich umgekehrt zu denen von Hamburg, sie haben ein konkretes Ziel und richten sich doch auf etwas allgemein und prinzipiell Politisches: die Bedrohung der Freiheit durch den Regierungschef Viktor Orbán. Die Ungarn zeigen sich als Bürger, nicht als Untertanen – im Gegensatz zu den Deutschen, die selbst noch im Krawall die Position des unmündigen und begrifflosen Untertanen einnehmen, der mit ohnmächtiger Geste auf die Herrschenden zeigt, ohne überhaupt sagen zu können, was er erreichen will.