Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Es ist so leicht, die eigenen Kinder zu verraten. Der Verrat kann sich so aufgeklärt bemänteln: mit der beruflichen Ambition, der Selbstverwirklichung. Man kann sich damit beruhigen, dass Vater Staat und all die fürsorglichen Institutionen für den fehlenden Vater einspringen werden …" Im gemütlichen alten Speisewagen bin ich Adressat eines Geständnisses, das so wohl nur unterwegs, in diesem räumlich-zeitlichen Zwischenraum, möglich ist.

"Mit der Möglichkeit, eine Familie zu gründen und sie gegebenenfalls wieder aufzugeben, war ich schlicht überfordert. Ich erinnere mich, in meinen 30 Jahren als Vater immer wieder ein Gesetz herbeigewünscht zu haben, das es mir verbietet, diese Wahlfreiheit überhaupt in Betracht zu ziehen: die Freiheit, zu gehen oder zu bleiben, die Wahl, mit oder ohne meine Kinder zu leben. Jede Schwierigkeit im Familienleben ließ diese Möglichkeit als Ausweg aufscheinen und brachte so die eigentlichen Probleme ihrer Lösung nicht näher. Immer gab es für mich diesen Fluchtweg, die Möglichkeit, aus dem Leben der Kinder ganz zu verschwinden, um dem schwierigen Zusammenleben mit ihrer Mutter zu entrinnen und nicht an einer Fernbeziehung zu den Kindern leiden zu müssen. Wir haben schmerzhafte Trennungsversuche hinter uns, die wir uns vielleicht hätten ersparen können, wenn dieser Hochzeitssatz, den ich ja auch gesprochen habe, wirklich Gültigkeit für mich gehabt hätte, dies hohe Gelöbnis, dieses Donnerwort: Bis dass der Tod euch scheidet. Inzwischen weiß ich, dass meine Gefühle bei der ganzen Angelegenheit weniger wichtig sind als meine Verlässlichkeit. Jene Sicherheit für die Kinder, die höher steht als meine emotionalen Schwankungen, die der Tag oder die Jahre bringen mögen.

Für Erwachsene ist es schwer genug, mit dem Verlassenwerden zurechtzukommen. Für Kinder fühlt es sich wie ein Todesurteil an, wenn sie von ihren Eltern verlassen werden. Warum ist das so schwer verzeihlich, dies Im-Stich-Lassen? Bleibt davon immer eine Spur, ein lebenslanges Manko an Sicherheit? Fühlt man sich sein Lebtag als Aussätziger, wenn man als Kind 'ausgesetzt' wurde wie Hänsel und Gretel? Taten frühere Generationen gut daran, die Familie auf Biegen und Brechen zusammenzuhalten der Kinder wegen? Muss man seinen Kindern unter allen Umständen die Treue halten? Inzwischen glaube ich, dass man es muss, nachdem man sie in die Welt gesetzt hat. Pardon, warum erzähl ich Ihnen das alles …"

– "Mir oder jemand anderem, gleichviel. Es liegt Ihnen auf der Seele, und ich verstehe Sie nur zu gut. Einer trage des anderen Last, sagt die Bibel, warum nicht im Eurocity nach Prag?"