Sollten Sie sich beim Lesen dieser Zeilen nicht in der Einöde befinden, dürfte ein kurzes Aufblicken schon reichen: Sie sehen etwas Menschengemachtes. Eine Wand etwa, die zu einem Haus gehört oder einem Zimmer. Die Wand wird vermutlich recht glatt sein, weiß gestrichen oder auch bunt tapeziert. Möglicherweise hängt ein Bild an der Wand, oder es ist eine Türe darin, deren Klinke ein wenig glänzend und geschwungen daherkommen mag. Wenn Sie sich in der von Menschen gestalteten Welt umschauen, werden Sie feststellen, dass beinahe jedes Objekt, das Sie wahrnehmen können, nicht bloß funktionieren will, sondern auch Ihrem Auge gefallen möchte. Sogar die Wand.

Warum?

Am Grüneburgweg in Frankfurt am Main steht ein Bürogebäude, die Fassade unauffällig, Naturstein und Glas. In diesem Gebäude befindet sich das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. Knapp hundert Wissenschaftler sind dort angestellt, Linguisten, Musikwissenschaftler, Neurobiologen, Mathematiker, und sie alle beschäftigen sich mit Schönheit. Sie wollen herausfinden, was wem warum gefällt.

Das ist eine sehr alte Frage. Die Philosophie beschäftigt sich spätestens seit Aristoteles mit dem Thema. Bei den Griechen gehörte das Schöne zusammen mit dem Wahren und dem Guten zur Trias der allerhöchsten Werte. Nach ihrer Ansicht war das Schöne wahr und das Wahre schön. Gut 2.000 Jahre später entdeckte der amerikanische Molekularbiologe James Watson die Struktur der menschlichen DNA. Über sein berühmtes Doppelhelix-Modell sagte er: "Es war so schön, dass es wahr sein musste."

In Frankfurt will man der alten Frage nach dem Wesen des Schönen mit den neuen Mitteln der Empirie begegnen. Das Institut kann MRT-Geräte nutzen, um Gehirne zu scannen, es kann Gänsehaut messen, Augenbewegungen auswerten, es verfügt über schallisolierte Kabinen und das Art Lab, einen Veranstaltungsraum, in dem sämtliche Regungen des Publikums oder der Künstler aufs Genaueste aufgezeichnet werden können: 46 Sitzplätze. Klänge, Mimik, Gestik und Körpermesswerte der Anwesenden können hier synchron erfasst werden.

Stille Büroflure, grauer Teppich, weiße Wände – von innen wirkt die Schönheitsforschungsanstalt nicht aufregender als eine Versicherung. Im Büro von Winfried Menninghaus findet sich neben der Türe immerhin ein Schwarz-Weiß-Foto des Schriftstellers Thomas Bernhard bei einem Besuch im Suhrkamp-Verlag, für den Menninghaus mal gearbeitet hat. Der Literaturwissenschaftler ist einer der Gründungsdirektoren des Instituts, ein schmaler, hochgewachsener Mann, dessen drahtige Locken vom Kopf abstehen, sodass er ein wenig ausschaut, als sei er gerade aus einer Kanone geschossen worden. Klären wir erst ein paar grundsätzliche Fragen.

Sie gehen an diesem Institut natürlich davon aus, dass Schönheit wichtig ist. Aber würden Sie wirklich behaupten, dass sie wesentlich ist für unsere Existenz?