DIE ZEIT: Herr Kotte, Sie fotografieren normalerweise Topmodels und Spitzenpolitiker. Jetzt haben Sie Obdachlose porträtiert. War das schwieriger?

Anatol Kotte: Eigentlich nicht. Ich hatte davor ein Shooting mit Til Schweiger, das läuft natürlich anders ab. Aber es ändert nichts an meiner Arbeitsweise: Ich versuche, eine Verbindung herzustellen, einen Moment der Offenheit zu erwischen. Das ist Schönheit für mich.

ZEIT: Wie machen Sie das?

Kotte: Je nachdem, freundschaftliche Gesten, dominantere Anweisungen oder einfach Stille. Bei Politikern sage ich einfach gar nichts, dann fangen die sofort an zu schwimmen. Bei den Obdachlosen habe ich versucht, Vertrauen zu schaffen.

ZEIT: War es einfach, sie vor die Kamera zu stellen?

Anatol Kotte, 53, ist Porträtfotograf. 2015 erschien sein Buch "Iconication" u. a. mit Bildern von Angela Merkel und Rihanna. © Anatol Kotte für DIE ZEIT

Kotte: Bei den Männern war es leichter als bei den Frauen. Wir waren ja in zwei Unterkünften in Hamburg, jeweils einen Tag lang. In der Unterkunft für Frauen war das Misstrauen größer. Auch weil dort sonst kein Mann Zutritt hat. Zum Glück hatten die Sozialarbeiterinnen vorher schon mit einigen Obdachlosen gesprochen. Am Ende hatten 15 Leute Lust, sich fotografieren zu lassen.

ZEIT: Sie sind ein Experte für das Erkennen von Schönheit. Was fanden Sie an den Obdachlosen schön?

Kotte: Menschen von der Straße sind natürlich voller Tragik, die haben so viel auf die Fresse gekriegt vom Leben. Und trotzdem haben sie Würde und Selbstbewusstsein.

ZEIT: Wie zeigt man das?

Kotte: Leute, denen es so schlecht geht, fotografisch in die Pfanne zu hauen, ist das Leichteste. Nur tragische Bilder, das war meine größte Angst. Ich habe versucht, die Leute nicht in irgendeiner Schutzhaltung zu erwischen, sondern in dieser Sekunde, in der sie echt sind und würdevoll.

ZEIT: Brauchte es länger als sonst, diese Sekunde zu finden?

Kotte: Ja, einige haben oft den Faden verloren. Ich habe gemerkt, wie schnell sich dieses unsichtbare Band zwischen mir und ihnen aufgelöst hat, weil sie einfach keine Konzentration oder Kraft mehr hatten.

ZEIT: Beim ersten Blick in die Gesichter sieht man vor allem die Zumutung, die das Leben für sie bedeutet.

Kotte: Du siehst bei jedem Menschen, was er hinter sich hat, wo er gesundheitlich steht, was er letzte Nacht getrieben hat. Seine Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit. Das habe ich auch bei Models oft.

ZEIT: Wie wichtig war den Obdachlosen ihr Aussehen?

Kotte: Total wichtig! Einer meinte: Nee, ich will nicht lachen, sonst sehe ich nicht schön aus. Die andere: Hier mag ich meine Haare nicht, da sehen meine Finger zu dick aus. Ich glaube, alle, auch die Männer, überlegen sich, wie sie ihre Haare tragen, welchen Pulli sie aus der Kleiderkammer nehmen. Auch wer auf der Straße lebt, ist an Style interessiert. Jeder, selbst wenn er ganz unten ist, will schön aussehen.

ZEIT: Ihre Tochter war auch bei den Shootings dabei. Fand sie die Porträtierten schön?

Kotte: Ja, ich glaube, Kinder sehen die Schönheit noch viel eher. Sie nehmen den Menschen, wie er ist, und gehen gerade auf ihn zu. Und so sollte es ja eigentlich sein.