Die anmutigste aller Frauen, die Göttin der Schönheit und der Liebe, kam auf sehr hässliche Weise zur Welt. Das haben ihre Bewunderer, die Maler der Renaissance, natürlich vertuscht: Bei ihnen entsteigt Venus mit wallendem Goldhaar dem Meer, liegt barbusig auf der Ottomane oder ruht nackt in arkadischer Landschaft. Immer leuchtet die Dame – und fast schon ein bisschen selbstgefällig auf dem Gemälde des Italieners Jacopo Palma il Vecchio, das um 1500 in Venedig entstand. So makellos ihre Haut, so sanft hingegossen ihr Leib. Kein Betrachter käme auf die Idee, sie könnte gewaltsam gezeugt worden sein.

Doch die alten Griechen, bei denen Venus noch Aphrodite hieß, erzählten einander die grausame Vorgeschichte: Ihr Vater Uranos wurde, als er sich der Mutter Gaia liebeshungrig näherte, von deren Sohn Kronos mit einer Sichel kastriert. Die abgeschnittenen Genitalien fielen ins Meer – und aus der Vermischung von göttlichem Samen, Blut und Salzwasser entstand die "Schaumgeborene", die älteste Gottheit des Olymp, die Göttin der Schönheit.

Ist Schönheit göttlich? Für die Renaissancemaler Botticelli, Tizian, Giorgione oder Palma il Vecchio durchaus. Für sie war das Schöne ein göttlicher Lichtstrahl in der irdischen Welt. Ein Widerschein des Allerhöchsten sollte durch das Gemälde hindurch bis in die Seele des Betrachters fallen. Also stellten sie die Venus anbetungswürdig und zugleich menschlich dar. Bei Palma il Vecchio trägt sie keinerlei Himmelsinsignien, nur ins Haar geflochtene Perlen, und wirkt auf diese Weise hoheitsvoll und zugleich nahbar wie eine Venus von nebenan.

Die Schönheit der Schöpfung ist gleichsam das Gewand, das Gott angezogen hat, um sich vor den Menschen zu zeigen.
Anselm Grün, "Schönheit"

Die Maler der Renaissance interessierten sich weder für die Grausamkeit des Mythos, noch hegten sie eines der ewigen Vorurteile gegen weibliche Schönheit – die im Mittelalter als sündhaft verteufelt worden war, in der Klassik als hinreißend naiv vergöttert wurde und heute als geistlos, ja unemanzipiert verdächtigt wird.

Botticelli und seine Kollegen hingegen hatten einen ungebrochen optimistischen Begriff vom Schönen. Aus der Antike übernahmen sie die Vorstellung, das Schöne sei eins mit dem Wahren und Guten. Wie Platon verstanden sie unter kalon nicht nur das äußerlich Reizende, sondern auch das Rechte, Geziemende, Angemessene und Heile. In der Venus machten sie dieses Ideal sichtbar: die Trias von Schönheit, Wahrhaftigkeit, Güte.

So zahlreich die Definitionen des Schönen seit der Antike auch waren – von Platon und Aristoteles über Augustinus und Thomas von Aquin bis zu Schiller, Hölderlin, Hegel: Durch die ganze abendländische Geistesgeschichte wird das Schöne mit dem Höchsten, wird Ästhetik mit Ethik verbunden.

Das ändert sich erst in der Moderne, die nicht nur vom Glauben an Gott abfällt, sondern auch dem Schönen misstraut. Heute kommt die Sehnsucht nach der Schönheit oft im profanen Gewand daher: Schönheitsköniginnen werden im Fernsehen gekürt, Schönheitskönige im Fitnessstudio erschaffen. Dem Schönheitskult der Massen steht in der Hochkultur die Ablehnung des Schönen als oberflächlich, hohl und allzu perfekt gegenüber. Fast panisch vermeiden die Künste das klassisch Schöne und inszenieren stattdessen das Hässliche, Gebrochene, Unheile. Selbst die Mode lässt sich anstecken und propagiert Unförmiges in Unfarben, gern als genderneutralen Kompromiss. Das ist die Heuchelei, vielleicht auch die Selbstunsicherheit unserer Zeit: Jeder will schön sein und begehrt Schönes – doch viele verachten es zugleich.

Die alten Griechen hätten das nicht verstanden. In die Mauern des Apollon-Tempels in Delphi meißelten sie den Spruch: "Das Richtigste ist das Schönste." In Traktaten legten sie dar, dass die Seele erst durch die Schönheit der Welt befähigt sei, Gott zu schauen. In Götterstatuen feierten sie nicht nur den wohlproportionierten Leib, sondern die ganze Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Denn Schönheit war für sie ein Abglanz jener göttlichen Ordnung, die einst aus dem Chaos entstand. Bevor es Erde, Himmel und Ozeane gab, war die Welt formlose Materie. Daraus ging zuerst, so glaubten die Griechen, Eros hervor, die alles verändernde Kraft der Leidenschaft, nach und nach folgten die anderen Mächte des Kosmos.

Welchen Platz hatte Aphrodite (oder lateinisch: Venus) im Götterhimmel? Verheiratet war sie mit dem hässlichen Gott des Feuers, Hephaistos. Mit dem Kriegsgott Ares ging sie fremd und zeugte mit ihm unter anderem die Kinder Harmonia (Eintracht) und Anteros (Gegenliebe), aber auch Phoibos (Furcht) und Deimos (Schrecken). Sie schützte brave Eheleute ebenso wie Huren. Zur Gefahr für die Menschen aber wurde sie, so erzählt es der Mythos, durch ihre Eitelkeit.

Schönheit ist die Weise, wie das Sein für das Herz Angesicht gewinnt und redend wird. In ihr wird das Sein liebesgewaltig. Darum ist die Schönheit so stark.
Romano Guardini, "Religiöse Gestalten"

Es geschah beim berühmtesten Schönheitswettbewerb aller Zeiten: Auf der Hochzeit der Meeresgöttin Thetis warf die schlangenhaarige Göttin des Neids einen goldenen Apfel unter die Gäste: "Für die Schönste!" – Aber welche war das? Die Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite beanspruchten jede den Titel für sich. Entscheiden musste ein armer Tropf, der Prinz Paris, zum Schiedsrichter auserkoren aufgrund seiner edlen Gestalt.

Aphrodite versprach ihm Helena, die schönste Frau der Welt – und bekam den Apfel. Der Preis waren zehn Jahre Krieg. Am Ende war Troja vernichtet, und die siegreichen Griechen waren zermürbt. Aber alle hatten begriffen: Schönheit ist göttlich und Grausamkeit auch. Aphrodite aber wird nie eine Heilige sein.