Über sich selbst sagt Thomas Grübel, dass er nicht so der ÖV-Typ sei. Öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn nutzt er nur ungern. Das war mit ein Grund, weshalb sich Grübel vor vier Jahren einen Motorroller kaufte. Genauer: eine Schwalbe. Im seltenen Farbton Verkehrsorange, Baujahr irgendwann in den Sechzigern, ein bisschen was musste dran gemacht werden, muss immer dran gemacht werden, egal, praktisch ist dieses Gefährt ja, um die zehn Kilometer zum Büro zu fahren. Und schick noch dazu, weil retro.

Grübel ist Geschäftsführer von Govecs, einem Münchner Unternehmen, das Elektroroller baut. 2009 gegründet, fokussierte sich die Firma anfangs vor allem aufs B2B-Geschäft, Mietroller, Lieferroller, Lastenroller. Nun steigt Grübel ins Privatkundengeschäft ein – mit einer Neuauflage der Schwalbe. Schwalbe reloaded sozusagen, 2017-gemäß mit elektrischem Antrieb. "Wir haben bewusst ein Produkt gesucht, das Geschichte hat", sagt Grübel. "Idealerweise sollte es ein deutsches Produkt sein, auf die Schwalbe kommt man da schnell."

Um zu verstehen, wie viel Geschichte in der Schwalbe steckt, geht man am besten ins Museum. Nach Thüringen, Suhl, ins Fahrzeugmuseum. Oder ins DDR-Motorradmuseum in Berlin, wo vier Exemplare der alten Schwalbe stehen. An Orten wie diesen erfährt man dann, dass der Hersteller Simson einst Europas größter Zweiradhersteller war. Mit der Schwalbe präsentierte das Unternehmen Anfang 1964 das erste zweisitzige Kleinkraftrad aus DDR-Produktion. KR51 hieß das Modell, KR steht für Kleinroller. Ein 50-Kubikzentimer-Motor, 3,4 PS, die eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h ermöglichten. Täglich rollten 200 Schwalben vom Montageband, in den folgenden Jahrzehnten wurden insgesamt mehr als eine Million Fahrzeuge produziert. Der Osten Deutschlands war Schwalbe-Land. Die Roller prägten stinkend und knatternd das Straßenbild – und die Kultur: Schauspieler bewegten sich auf ihnen durch Filme, Agnes Kraus als Schwester Agnes (1975) oder Kareen Schröter und Harald Rathmann in Sieben Sommersprossen (1978); selbst das Ost-Sandmännchen fuhr Schwalbe.

Nachdem die Mauer gefallen war, wurden die Simson-Werke unter Treuhandverwaltung gestellt. Doch diejenigen, die lange Zeit ausschließlich Schwalbe kaufen und fahren konnten, wollten plötzlich keine Schwalbe mehr. Begehrt waren Westautos und Westroller, der Absatz der Schwalbe sank rapide. 1991 konnten nur noch wenige Tausend Fahrzeuge verkauft werden. 2003, nach verschiedenen Übernahmen und Konkursen, war es endgültig vorbei mit Simson – und damit auch mit der Schwalbe. 2011 versuchte der Automobilzulieferer Xtronic, den inzwischen zum Kult gewordenen Roller neu aufzulegen – und scheiterte. Thomas Grübel will nicht scheitern.

Grübel ist gelernter Kaufmann, und wenn er sagt, dass er Ahnung habe von Elektroantrieben, kann man ihm das glauben. Mitte der 1990er Jahre ging er nach Asien, bis 2008 baute er zwei Produktionsstätten für Elektroroller auf. 2009 gründete er Govecs. Grübel weiß, dass ein E-Roller besser sein muss als einer mit herkömmlichem Antrieb. "Gleich gut reicht nicht aus, das sieht man beim Tesla", sagt er.

Lediglich die Silhouette von historischem und neuem Produkt ähnelt sich, Gepäckträger, die kugelförmigen Blinker, die fahrradähnlichen Speichen erinnern an die alte Schwalbe – gleich ist kein einziges Bauteil. Im Gegensatz zu den alten Modellen hat die neue Schwalbe ein digitales Display. Damit fängt es an. Wer den Zündschlüssel umdreht, liest "Welcome to a new driving experience", anschließend lässt sich zwischen drei verschiedenen Fahrstufen wählen: Eco, Cruise, Boost. Nahezu lautlos rollt man vom Bordstein, und auf der Straße kommt man ziemlich leise daher, weil ein Elektroantrieb eben surrt und nicht lärmt. Besonders Fahrradfahrer sind häufig verunsichert – zu plötzlich ist man ihnen nah.

Nach DDR-Recht durften Kleinkrafträder 60 Stundenkilometer fahren. Fahrer von Schwalben, die vor 1992 erstmals in den Verkehr gekommen sind, dürfen das noch heute. Neue Roller dieser Klasse dagegen sind auf Tempo 45 begrenzt, auch die E-Schwalbe.

Ihre Verkleidung ist komplett aus Kunststoff gefertigt, kein Blech mehr, das rosten kann. Unter dem Sitz befindet sich das Aufladekabel, fünf Stunden dauert es, die Akkus vollzuladen. Dann kann man mehr als 100 Kilometer weit fahren. Diese Distanz nennt Grübel eine "magische Grenze". Gerade bei E-Rollern hätten die Konsumenten Angst, stehen zu bleiben – auch wenn die meisten nur um die zwölf Kilometer am Tag zurücklegten. Das Antriebssystem hat Govecs gemeinsam mit Bosch entwickelt, die beiden Unternehmen arbeiten seit 2011 zusammen.