Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Schon wieder verdankt die Welt der Wissenschaft dem menschlichen Forschergeist sensationelle Erkenntnisse. Oft krankt ja das Zusammenleben nur daran, dass die Menschen von falschen Annahmen ausgehen und dann natürlich die falschen Schlüsse ziehen. Wie viel Zank und Hader und schlimme Laune hätten verhindert werden können, hätte man schon früher herausgefunden, dass "Ähs" und "Öhs" nicht, wie bisher angenommen, Zeichen mangelnder Konzentration oder gar fehlender Aufmerksamkeit sind – als Ausdruck eines unhöflichen Umganges mit seinen Mitmenschen. Sind sie eben nicht. Diese sogenannten Füllwörter stehen ganz im Gegenteil für erhöhte Empathie. Das zwingt uns zu großem Umdenken. Wenn nun etwa in der burgenländischen Spitalsaffäre von "Äh-Unregelmäßigkeiten" die Rede ist, die zur Suspendierung und Entlassung – öh – quasi in einer Amtshandlung geführt haben, darf man nicht allzu rational vorgehen. Denn über – äh – Gründe sprechen die Verantwortlichen in diesem Zusammenhang nicht. Empathischer geht es doch kaum: Man breitet mit vornehmer Zurückhaltung einen Schleier der Verschwiegenheit über die Affäre. Niemand verliert sein Gesicht. Alle vermuten, niemand weiß. Wenn nun das neue "von dem her" dazukommt, auch ein Füllwort der Edelklasse, dann schleicht sich in dieses – äh – Empathiegewitter sogar noch etwas Kausalität. Am Ende des Tages, nicht mehr ganz so taufrisch, ist es das empathische Prognosetool in dieser Äh-Sprache, das zu einem unempathischen "öh" wurde und so das schöne Wort "zeitnah" kreierte. Von dem her ist es auch nicht verwunderlich, dass – äh – der Ausdruck vor Ort vom großen Nachbarn übernommen wurde, zumal am Ende des Tages sprachlicher Floskelmatsch – öh – obsiegen wird. So versteht man die – äh – die Sprache der Politik dank der Forschung erst richtig. Manch rhetorisches Talent wurde verkannt, manch großer Gedanke verschmäht. Denn die Floskel ist eigentlich ein Blümchen, und von dem her scheint das blumige "Äh" nichts anderes als die vollständige empathische Hingabe ans Volk. Das ist in keiner – oder wie man heute besser und stimmiger zum allgemeinen Duktus passend sagen sollte: in keinster – Weise postfaktisch: Was zeitnah dem Faktischen folgt, kann doch gar nicht post sein, da es ja das Faktische hier gar nie wirklich gab. Es kommt einer physikalischen Revolution gleich, dass durch Füllwörter Hülsen der Sprache nicht gefüllt werden, sondern dass ganz konträr durch Füllen Leere entsteht. Äh – oder so in der Art.