DIE ZEIT: Herr Hossiep, schon mehr als jedes fünfte neu zugelassene Auto in Deutschland ist ein Sport Utility Vehicle, kurz SUV. Warum schaffen sich viele Menschen, zumal in Großstädten, Geländewagen an, wie sie früher fast nur Förster oder Landwirte fuhren?

Rüdiger Hossiep: Die wenigsten dieser Autos sind geländetauglich. Es sind Wagen, die höhergelegt sind, im Schnitt um 20 Zentimeter. Der Ein- und Ausstieg ist dadurch bequemer. Das ist der kleine rationale Teil der Erklärung. Der Rest ist, wie fast immer beim Autokauf, irrational.

ZEIT: Welche Emotionen weckt denn so ein SUV?

Hossiep: Da ist das Gefühl, sicher und behütet zu sein vor der Unbill des Verkehrs. Man sitzt erhaben, quasi über dem Verkehrsgeschehen, man glaubt, einen besseren Überblick und mehr Kontrolle zu haben. Diese Sitzposition und auch das breitspurige, bullige Äußere vermitteln ein Gefühl von Stärke. Man wähnt sich überlegen. Es geht also viel um Statusgefühl, ums Ego. Der Deutsche schaut ja gern kritisch auf seinen Nachbarn: Hat der mehr als ich? Und für viele Menschen ist das Auto nun mal so etwas wie das blecherne Selbst.

ZEIT: Wenn ich in so einem Vorstadt-Panzer sitze, haben andere mehr Respekt vor mir?

Hossiep: Es gibt ein aufschlussreiches Experiment. Dabei fährt man ein Auto direkt vor eine rote Ampel. Sobald die grün ist, wird gemessen, wie lange es dauert, bis der Erste hinter einem anfängt zu hupen. In Versuchsreihen wurde das viele Hundert Mal mit wechselnden Fahrzeugen getestet. Dabei kam heraus: Je höher der Status des vorne wartenden Autos, also je größer und teurer es ist, umso länger dauert es, bis jemand dahinter anfängt zu hupen. Das deckt sich übrigens mit meiner privaten Empirie.

ZEIT: Bitte erzählen Sie.

Hossiep: Ich hatte einmal einen Austin-Mini. Sie glauben gar nicht, wie heftig ich als Fahrer dieses Kleinstwagens bedrängt, angehupt und geschnitten wurde! Da erlebt man den Straßenverkehr als Kräftemessen und als Ort primitiver Machtdemonstrationen: Ich bin stärker als du! Darin steckt ja ein faktischer Kern: Je schwerer mein Wagen ist, umso bessere Überlebenschancen habe ich tendenziell als Fahrer bei einem Crash.

ZEIT: Sind die SUVs also auch wegen ihrer "latenten Aggressivität" beliebt, wie manche Psychologen meinen?

Hossiep: Wir erleben, dass das Äußere von Autos immer mehr auf aggressiv getrimmt wird. Die Japaner sind in dieser Hinsicht führend. Vielleicht liegt das an der stark alternden Gesellschaft, salopp formuliert wäre so ein Auto also eine Ego-Krücke. Eine Art Selbstkompensation.

ZEIT: Warum kaufen Deutsche so viele SUVs, obwohl sie doch umweltbewusster leben wollen?

Hossiep: Weil die Leute beim Kauf nicht an die Ökologie denken. Oder weil sie immer irgendwelche Gründe finden, die ihre Entscheidung rechtfertigen. Ich wundere mich immer wieder darüber, wie irrational die Leute entscheiden. Sie kaufen Autos, die auf keinen genormten Parkplatz passen. Und vielen wird in einem SUV übel, weil der stärker wankt als niedrigere Fahrzeuge – trotzdem fahren sie damit. Der Siegeszug der SUVs verläuft gegen alle Rationalität. Aber in gewissem Umfang könnten Politik oder Industrie gegensteuern, wenn sie umweltgerechte Entscheidungen positiv besetzen würden.

ZEIT: SUVs sind Spritsäufer. Manche Besitzer reden sich etwa damit heraus, dass der Verbrauch in Relation zum Gewicht doch gar nicht so hoch sei.

Hossiep: Mag sein. Aber nach dieser Logik müsste jeder umweltbewusste SUV-Fahrer auf einen Lastwagen umsteigen.