Als ich das Tadsch Mahal im April 2007 zum ersten Mal sah, wusste ich so gut wie nichts von seiner Bau- und kaum etwas von der Liebesgeschichte, die es erzählt, ich sah nur einfach hin. Der Traum, den ich seit meiner Kindheit geträumt hatte, war in Erfüllung gegangen: Das weitläufige Geviert des Gartens, dessen Ende das berühmte Mausoleum mit seinen Kuppeln und Minaretten märchenhaft markiert, lag so selbstverständlich vor mir wie einst, da ich es als Puzzlebild wieder und wieder aufgebaut hatte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn es sich vor meinen Augen von allem Irdischen gelöst und in den Himmel emporgehoben hätte. Ich hatte nur zwei Stunden Zeit und verspürte alles andre als interesseloses Wohlgefallen; jedes seiner Blumenornamente wollte ich berühren, über jede seiner Marmorplatten streichen, um mich ihrer zu versichern. Auf der Rückreise glaubte ich tatsächlich, das schönste Gebäude der Welt gesehen zu haben.

Als ich zehn Jahre später erneut aufbreche, frage ich mich, ob ich damals nicht etwas übertrieben habe. Noch in Deutschland zettle ich mit jedem, den ich treffe, ein Gespräch über das Tadsch Mahal an, und obwohl es die wenigsten aus eigener Anschauung kennen, hat jeder sofort ein Leuchten in den Augen: Es sei ein heiliger Ort, trotz aller Touristen. In seiner Vollendung habe es sich vom menschlichen Schaffensakt gelöst. Allein schon sein Name sei ein Gedicht, ein Gedicht auf die Liebe. Was so vollkommen symmetrisch sei, habe immer recht.

Diesmal habe ich einiges über das Tadsch Mahal gelesen, habe mir Zeit genommen und einen Begleiter obendrein: meinen indischen Freund Sanjay. Er möchte von Delhi aus eine Schleife durch Rajasthan fahren, um mir einige architektonische Vorläufer des Tadsch zu zeigen und mich auf die indoislamische Baukunst einzustimmen.

Eine Woche später kommen wir in Agra an. Mein Kopf ist voller neuer Eindrücke und Erkenntnisse, jetzt weiß ich, wo man ein Mausoleum zum ersten Mal mit einer Zentralkuppel gekrönt hat, weiß, wer als Erster die vier Ecken eines Grabbaus mit Minaretten markierte, weiß, welche Gärten für den des Tadsch Mahal Vorbild waren, ich könnte sogar etwas zu den Marmormustern sagen, mit denen die Rabatten seiner Zypressenallee geschmückt sind. Doch als ich das Tadsch von meinem Hotelzimmer aus im Abenddämmer erblicke, ist das alles egal. Wieder stehe ich nur da und schaue. Dabei sieht man über die Baumkronen der umgebenden Parkanlagen kaum mehr als die Zentralkuppel und die Spitzen der Minarette. Ein letztes Licht liegt mattrosa darauf wie eine Verheißung. Macht der Anblick von Schönheit glücklich? Ist es der Schauer der Ehrfurcht, der sie uns als Ersatzdroge für das Göttliche begehren lässt?

Am nächsten Morgen stehe ich gleich wieder am Fenster. Nebel liegt über der Stadt, die Kuppel des Tadsch schwebt darin wie eine Fata Morgana, nur auf ihrer östlichen Wölbung von einem ersten Morgenlicht in 3-D modelliert. Rudyard Kipling schildert in seinen Reisebriefen aus Indien, wie er schlecht gelaunt durch Agra fuhr, weil das Tadsch schon damals allzu oft in schiefen Metaphern gepriesen wurde, schildert, wie er’s dann am Zugfenster schwerelos vorbeiziehen sah als "opalfarbene Wolke am Horizont". Er, der sonst jede seiner Reisestationen mit Spott überzog, war davon so ergriffen, dass er sich schwor, "dem Ort nie näher zu kommen, da er fürchtet(e), den Zauber der überirdischen Pavillons zu brechen". Das Tadsch erschien ihm als Verkörperung des Kummers, "seine Schönheit glich der einer Frau, die nie ein Unrecht begangen hat."

Kipling spielt auf die Geschichte an, die den Mythos des Tadsch als Symbol romantischer Liebe begründete: die Geschichte des Mogulherrschers Shah Jahan und seiner Lieblingsfrau Mumtaz Mahal, die nach der Geburt ihres vierzehnten Kindes 1631 starb. Eine Woche lang rührt Shah Jahan keine Speise an, weigert sich, seinen Regierungsgeschäften nachzugehen, ordnet eine zweijährige Staatstrauer an. Nach einem Jahr hat er graue Haare und einen Plan. Er kauft dem Maharadscha von Jaipur ein Grundstück vor den Toren Agras ab, an der Biegung des Flusses. Er lässt sich die Pläne der berühmtesten Bauwerke der Welt vorlegen. Er holt die besten Baumeister, Gartenarchitekten, Schriftkünstler und Steinschneider in seine Hauptstadt, und ab 1632 wird gebaut. Shah Jahan ist fest entschlossen, ein Grabmal für seine Frau zu errichten, neben dem die Meisterwerke aller Zeiten "wie Wasser (sind), geschmacklos und nicht wirklich existent". Nicht nur beim Marmor hält er sich ans Teuerste und Edelste, 20.000 Arbeiter sind 20 Jahre lang beschäftigt, die Kosten explodieren. Am Ende sind sie doppelt oder, je nach Quelle, dreimal so hoch wie die für die Erbauung des gesamten Roten Forts in Delhi (das er gleichfalls errichten lässt). 1653 ist das neue Weltwunder fertig; dass Shah Jahan 1658 von seinem Sohn entmachtet und die letzten acht Jahre seines Lebens im Palast von Agra gefangen gesetzt wird, mit Blick aufs Tadsch Mahal, trägt nicht wenig zum Mythos des Bauwerks bei.

So weit werden die Fakten von Fremdenführern gern erzählt und die beiden Protagonisten entsprechend verklärt. Für Mumtaz Mahal mag das angemessen sein, noch heute gilt sie als eine der drei schönsten Frauen Indiens. Shah Jahan hingegen ist nicht nur der romantisch Liebende, als der er von der Tourismusbranche vermarktet wird. Er war es, der den Hass zwischen Muslimen und Hindus begründete, wie er bis heute schwelt, indem er zahlreiche Hindu-Tempel zerstören ließ, Mischehen verbot, Hindus zwang, sich durch die Knotung ihres Umhangtuchs in der Öffentlichkeit sichtbar zu kennzeichnen. Und das, obwohl er selbst Sohn einer Hindu war! Natürlich sei auch seine Ehe mit Mumtaz Mahal arrangiert gewesen, stellt Sanjay beim Frühstück klar: wie in Indien üblich. Und sein Sohn habe ihn am Ende nur deshalb gefangen setzen können, weil Shah Jahan aufgrund seiner Ausschweifungen im Harem schwer erkrankt war.

Können solch ernüchternd "irdische" Details der überirdischen Reinheit des Tadsch etwas anhaben? Oder hält seine Schönheit selbst dann noch stand, wenn man nicht nur die verklärende Entstehungsgeschichte weglässt, sondern auch den auratisierenden Rahmen – die Gartenanlage, die den Blick des Besuchers auf raffinierte Weise steuert? Ich nutze den Tag, um eine radikale Probe aufs Exempel zu machen. Schon bei meinen früheren Indienreisen habe ich mich viel in Slums herumgetrieben und auch immer mal wieder einen Müllberg bestiegen, einfach deshalb, weil es zu Indien dazugehört und man das Land nicht begreifen kann, wenn man diese Seite ausspart. Muss es auch in diesem Fall sein, wo ich mich aufs Schönste des Landes konzentrieren wollte? Sanjay schüttelt den Kopf über mich, fährt mich jedoch hin.