Historische Tragödien haben es nicht verdient, dass man schlechte Filme über sie macht. Mit The Birth of a Nation verwirklicht der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Nate Parker sein großes Projekt, das Leben von Nat Turner zu verfilmen. Dieser schwarze Sklave und Prediger führte 1831 einen Sklavenaufstand an, der gnadenlos niedergemetzelt wurde. Mit dem Titel des Films bezieht sich Parker zudem ironisch auf einen gleichnamigen Stummfilmklassiker von 1915, dessen unverhohlener Rassismus die Neugründung des Ku-Klux-Klans inspirierte.

Leider scheint der Filmemacher aber nach den sieben Jahren, die er brauchte, um die Finanzierung für den Film zusammenzubringen, nicht mehr genug Zeit gefunden zu haben, glaubwürdige Dialoge zu schreiben oder der Materie mehr moralische Ambivalenz abzugewinnen als abgeschmackte Klischees von grausamen Sklavenjägern und rechtschaffenen christlichen Männern. Und offenbar war er damit beschäftigt, selbst im Vordergrund zu stehen, und kam nicht dazu, seinen Schauspielerkollegen brauchbare Anweisungen zu geben. Armie Hammer als Sklavenbesitzer und Gabrielle Union als vergewaltigte Sklavin murmeln sich hölzern durch ein schwüles Südstaaten-Dickicht, das zugegebenermaßen sehr schön gefilmt ist.

Angeblich hatte The Birth of a Nation Chancen auf einen Oscar, die indes durch Vergewaltigungsvorwürfe gegen Parker torpediert wurden. Dass im Film zwei Vergewaltigungen den Aufstand auslösen, was historisch nicht belegt ist, bekam dadurch einen noch schaleren Beigeschmack. In derselben Oscarsaison wurden auch gegen den Schauspieler Casey Affleck Vergewaltigungsvorwürfe laut, der für seine Rolle als trauriger weißer Mann in Manchester by the Sea dennoch als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde.

Offensichtlich wird weißen Männern vieles vergeben, womit Schwarze, zumal im 19. Jahrhundert, nicht so einfach davongekommen wären. Um behaupten zu können, The Birth of a Nation sei aus rassistischer Ungerechtigkeit nicht gewürdigt worden, müsste man davon ausgehen, dass der Film als solcher einen Preis verdient hätte. Da dem nicht so ist, erscheint es aber umso verwunderlicher, dass er beim Sundance-Festival Begeisterungsstürme auslöste und die Vertriebsrechte für 17,5 Millionen Dollar weggingen – der größte Deal in der Geschichte des Festivals. Womöglich lag es eher daran, dass zu jenem Zeitpunkt die Debatte über die mangelhafte Repräsentation ethnischer Minderheiten in Hollywood gerade einen Höhepunkt erreicht hatte. Da bot The Birth of a Nation, als Film eines schwarzen Regisseurs über ein afroamerikanisches Urtrauma, den großen Studios die Gelegenheit, sich Asche aufs Haupt zu streuen, ohne tatsächlich etwas verändern zu müssen.

Der Kampf gegen Ausgrenzung und Unterdrückung wird in der Öffentlichkeit oft genug als leere Identitätspolitik abgewatscht. Man wünschte sich deshalb, dass nicht auch noch berechtigte Anliegen durch ästhetische Verflachung und ökonomische Vereinnahmung vollständig ihres Inhalts beraubt würden. Wie heftig die Verwertungsinteressen am künstlerischen Fundus neuer, kreativer politischer Bewegungen sind, bewies erst vergangene Woche der Pepsi-Konzern. In einem ziemlich bescheuerten Werbespot ließ der Getränkehersteller ein Reality-Sternchen an der wohl harmlosesten Demo der Welt teilnehmen. Die trotz seichter Forderungen der Demonstranten wie "Redet miteinander" grimmig blickenden Polizisten werden mit einer kühlen Dose Zuckerwasser zum Lächeln gebracht. Die offensichtliche Trivialisierung empörte Aktivisten von Black Lives Matter, die echter Polizeigewalt ausgesetzt sind. Zu Recht. Pepsi musste die Werbung zurückziehen, hatte aber mit der Entleerung einer Ästhetik des Politischen ausreichend Aufmerksamkeit für sein Produkt gewonnen.

Wenn Filme wie The Birth of a Nation also nicht bloß als moralisches Feigenblatt kulturellen Konsums dienen wollen, als cineastische Bioprodukte sozusagen, müssen sie neben einer politischen Agenda auch hohen künstlerischen Ansprüchen genügen. 12 Years a Slave oder Moonlight haben das vorgemacht, Nate Parkers The Birth of a Nation scheitert daran.