Die Jungs am Kickertisch, hinten in der Parzelle, einer verrauchten Kneipe auf dem Hamburger Berg, haben keine Ahnung, wer sie da gerade herausgefordert hat. Sie sehen bloß eine hübsche 26-jährige Frau mit Perlenohrringen, die unschuldig guckt und Vitamalz trinkt. Nur ich weiß: Es ist Maura Porrmann, Nationalspielerin, Weltranglistenzweite und womöglich bald Weltmeisterin, das entscheidet sich diese Woche.

An diesem Mittwoch nämlich beginnt in Hamburg auf Kampnagel die Kicker-WM. Gezockt wird auf 120 Tischen. 800 Spieler aus 40 Nationen werden erwartet. "Wenn ich meine Leistung abrufen kann", sagt Maura, "habe ich Chancen, ganz oben mitzuspielen." Im Fraueneinzel gilt sie als Mitfavoritin, außerdem tritt sie noch im Doppel und für die Nationalmannschaft an.

Mit Maura will ich für einen Abend der Kicker-King auf dem Hamburger Berg sein. Ich will Rache nehmen für all die erlittenen Niederlagen.

Es ist nämlich so: Bei der ZEIT gehöre ich kickermäßig zum Erfolgreichsten, was die Redaktion zu bieten hat. Mit meinem Kollegen Götz Hamann habe ich zweimal in Folge das interne Kickerturnier gewonnen. In meinem Büro steht ein Pokal mit unseren Namen. Das Problem ist: Auf dem Hamburger Berg bringt mir das wenig. Hamburg ist unbestritten Deutschlands Kicker-Hochburg. Und der Hamburger Berg ist so etwas wie ihr größtes Schlachtfeld. Fast jede Kneipe hat ihren eigenen Tisch. Gespielt wird nicht selten auf Liga-Niveau. Mein filigranes Tiki-Taka im Mittelfeld, die Bananenschüsse an den Abwehrspielern vorbei, all das ist hier bestenfalls Mittelmaß.

Jetzt aber habe ich Maura. Eine Nationalspielerin in Topform. Bis wir an der Reihe sind, dauert es aber noch ein bisschen. Zeit für Small Talk.

Ich erzähle, dass ein Kumpel von mir seine Frau beim Kickern kennengelernt hat. "Beim Kickern entstehen viele Liebesgeschichten", sagt Maura. Bei ihr war es so: 2012 spricht sie ein Typ in einer Bar an. Maura kickert dort, aber noch nicht besonders gut. "Ich habe irgendwie versucht, den Ball zu treffen." Der Typ fragt, ob sie nicht mal mit zum Kicker-Training kommen wolle. So landet sie im Haus der Jugend Lattenkamp, wo ein paar Kicker-Nerds trainieren. Mit dem Typ zieht sie noch ein paarmal los. "Verliebt aber", sagt Maura, "habe ich mich in den Kickertisch, nicht in den Mann."

Ja, die Frau hat Humor. Sie macht das sogar beruflich. Maura ist ein Teil des Duos Lieblingsfarbe Schokolade. Mit ihrer Freundin Hannah Silberbach, die auch die Hamburg School of Music absolviert hat, macht sie kabarettistische Popmusik. Davon lebt sie. Und ein bisschen auch vom Kickern. Denn nach dem ersten Training im Haus der Jugend geht es steil bergauf. Maura übt die verschiedenen Schusstechniken fast jeden Tag, stundenlang, oft ganz alleine. 2013 gewinnt sie die Hamburger Landesmeisterschaft im Einzel, drei Jahre später wird sie Europameisterin. Heute kann man sie über eine Agentur auch für Messen oder Firmenveranstaltungen buchen. Dort kickert sie dann zum Beispiel gegen Versicherungsvertreter oder Finanzberater. Ob sie die auch mal gewinnen lässt? Maura sagt: "Nur wenn ich soll."

Wir sind dran. Unsere Gegner, zwei Jungs in Kapuzenpullovern, stehen schon eine ganze Weile am Kicker. Abtreten muss immer nur der, der verliert. Hamburger-Berg-Regel. Ich schlage vor, dass ich erst mal hinten spiele. Maura sagt, nee, fang mal vorne an. Wer Teamchef ist, wäre damit auch geklärt. Dann sagt sie noch: "Ich bin gespannt, was du so zauberst."

Der erste Unterschied zu sonst: Ich habe ständig den Ball. Das liegt natürlich an Maura. Ihre Schüsse von hinten kriegt der Gegner fast nie geblockt. Und irgendwie landen sie fast immer bei mir. Es ist kaum mehr als eine Minute gespielt, da klemme ich den Ball mit meinem mittleren Stürmer ein, ziehe kurz nach links und bämm, es knallt, 1 : 0. Das nächste Mal ziele ich mit viel Gefühl mit meinem linken Stürmer schräg in die rechte Ecke. Auch das gelingt, 2 : 0. Ich spiele mit Maura wie beflügelt. Dann ballert sie von hinten über die Bande direkt ins Tor, 3 : 0. Am Ende gewinnen wir das Spiel mit 6 : 1. Die Kapuzenpulli-Typen müssen abtreten. Ich denke: Alles klar, läuft, die nächsten Opfer, bitte.