DIE ZEIT: Frau von Lehndorff, Sie waren eine Ikone der Sechziger und so etwas wie das erste deutsche Supermodel. Frau Garrn, Sie sind eines der gefragtesten Models der Gegenwart. Sie beide gelten als schönste Frauen ihrer Generation.

Vera von Lehndorff: Schönste Frau meiner Generation! Das klingt ja wie im Zirkus. Der längste Penis, das dickste Baby, die schönste Frau der Welt! Wer soll das messen?

Toni Garrn: Wir können ja mal auf die Straße gehen und zählen, wie viele Leute sich nach uns umdrehen. Ob sich überhaupt jemand umdreht. Aber bevor wir anfangen noch eine Bitte: Können wir uns duzen? Ich sieze nie jemanden, da fühle ich mich komisch. Das hat so etwas Distanziertes.

Lehndorff: Ja klar, nenn mich Vera. Toni ist übrigens ein guter Name für ein Model, der hat eine gewisse Leichtigkeit, und er klingt interessant: männlich und gleichzeitig weiblich.

ZEIT: Vera, Sie wurden mit 27 durch Michelangelo Antonionis Kultfilm Blow-Up über Nacht berühmt. Wann haben Sie entdeckt, dass Sie schön sind?

Lehndorff: Als ich jung war, hab ich unter meinem Aussehen jahrelang gelitten: Ich war 1,83 Meter groß, ein Lulatsch mit Kartoffelnase, viel zu großen Füßen und ziemlich verstört. Mit 15 hatte ich dann ein Erlebnis, das mich geprägt hat: Ich fand ein wunderbares Kleid in einem Kindermodengeschäft, und plötzlich fühlte ich mich wie verwandelt, nur durch dieses Kleid. Da spürte ich, dass es mir trotz allem gelingen konnte, schön zu sein. Es lag in meiner Macht, mich zu verwandeln.

ZEIT: Im selben Alter waren Sie, Toni, schon das Gesicht einer weltweiten Calvin-Klein-Kampagne.

Garrn: Ja, ich war 15, als eine Agentin mich am Hamburger Jungfernstieg ansprach, dann ging alles ganz schnell. Ich habe erst danach zum ersten Mal genauer in den Spiegel geschaut und versucht zu verstehen, was all diese Menschen an mir schön finden. Ich sah aus wie ein Baby: ohne Brauen, nur diese blauen Augen. Kein Junge in der Schule hat sich für mich interessiert. Heute denke ich, ich hatte einfach Glück. Ich war in zwei, drei Saisons eben genau das, was Calvin Klein wollte. Dieser Typ groß, blond und irgendwie unschuldig.

Lehndorff: Du bekamst erst durch deine Karriere ein Bewusstsein dafür, du könntest schön sein?

Garrn: Ja. Bei uns zu Hause spielte Aussehen keine Rolle. Meine Mutter stand nie lange vorm Spiegel, hat mir nicht einmal die Haare geflochten. Ich bin mit meinem Bruder und zehn Cousins aufgewachsen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich jemals als Prinzessin verkleidet oder Lippenstift aufgetragen hätte.

Lehndorff: Das kann ich mir kaum vorstellen! Als Teenager fand ich es herrlich, mich zu verkleiden. Dass der Körper ein Instrument in der Kunst sein kann, verstand ich Jahre später, als ich mit Salvador Dalí einige Performance-Filme machte.

Garrn: Nein, diese ganze Inszenierung – Haare, Make-up, Styling – das alles habe ich erst am Set gelernt.

ZEIT: Toni, Sie haben uns vor dem Gespräch erzählt, dass Vera für Sie immer ein Vorbild war. Was finden Sie an ihr schön?

Garrn: (errötet) Alles! Ihre Bewegungen, ihre Posen. Sie hat die Fotografen bestimmt verrückt gemacht. Sie kriegte unglaubliche Verrenkungen hin und sah trotzdem elegant aus wie eine Ballerina. Das kann kein anderes Model. Und auf solche Ideen kommt keine andere. Wenn ich da nur an deinen Wall Street Spider denke, Vera, das Foto, auf dem du dich in einem hautengen Anzug wie eine Spinne über den Asphalt bewegst. Deine Bilder hängen bei meinen Shootings oft an den Mood-Boards.

Lehndorff: Wirklich?

Garrn: Ja. Wenn ich auf Fotos Haartürme trage, sind sie von dir inspiriert, auch diese dreifachen Eyeliner, schau mal. (zückt ihr Handy, zeigt Fotos)

ZEIT: Vera, was ist Ihnen zuerst an Toni aufgefallen?

Lehndorff: Ich kann mich erinnern, dass ich sie einmal auf der Berlinale gesehen habe. Sie glitt an mir vorbei wie eine Elfe. Und ihr wunderschöner kleiner Kopf fiel mir auf.

Garrn: Kleiner Kopf? Witzig, ich ziehe meinen Bruder gern damit auf, dass er einen kleinen Kopf hat ...

Lehndorff: Ja, den habe ich auch, aber das heißt nicht, dass man ein kleines Gehirn hat. (lacht)

ZEIT: Was ist für Sie beide Schönheit?