"Zwischen zwei Menschen ist immer mit einem Scheitern der Vorstellungskraft zu rechnen", heißt es gleich zu Beginn von Katie Kitamuras Roman Trennung. "Scheitern der Vorstellungskraft" – das klingt harmloser, als es die Autorin meint. Es soll heißen: Wir wissen nichts von dem Menschen, mit dem wir zusammenleben; auch der, von dem wir meinen, er sei uns der Nächste, bleibt uns fremd. Fangen wir aber wegen einer Verknüpfung zufälliger Umstände an zu bohren in diesem anderen Leben, dann dürfen wir uns auf Überraschungen gefasst machen.

Verrat ist ein zentrales Motiv dieses Romans, denn durch den Verrat kommt es zu einer Asymmetrie des Wissens: Der eine weiß etwas, das der andere nicht wissen soll. Das Problem an der Untreue ist dieses Moment des Verrats: Der Verräter baut eine Zweitwelt auf, am Bewusstsein des Partners vorbei. Das Gute ist, könnte man in Erinnerung an Donald Rumsfeld sagen: Normalerweise wissen wir nicht, was wir alles nicht wissen. Aber wenn wir einmal den haarrissdünnen Sprung im Porzellan entdeckt haben, verfolgen wir ihn so lange weiter, bis alles in Scherben liegt.

Katie Kitamura, 1979 in Kalifornien geboren und für dieses, ihr drittes Buch von Karl Ove Knausgård heftig gelobt, hat einen Roman geschrieben, der nicht durch seine literarische Form, sondern durch die Unerbittlichkeit seiner psychologischen Figurenerkundung überrascht. Wie ein Pitbull, der erst nachlässt, wenn sein Opfer am Boden liegt, kennt auch die Autorin keine Gnade: Erst wenn die letzte Illusion geplatzt ist, darf aufgeatmet werden.

Die namenlose Ich-Erzählerin reist ihrem Ehemann Christopher nach, der einige Wochen in Griechenland verweilt: Die beiden haben sich – nach fünf Jahren Ehe – vor einigen Monaten getrennt, jetzt möchte sie die Scheidung im juristischen Sinn vollziehen, um den Weg für ein neues Leben auch formal frei zu haben. Doch in dem Hotel, in dem Christopher eingecheckt hat, findet sie ihn nicht. Dafür stößt sie auf Spuren seines Treibens, die sie zwingen, das Bild ihres Ex-Ehemanns neu zusammenzusetzen. Dass er ein Womanizer war, wusste sie, sie hatte dieses Wissen aber lange nicht zugelassen. Dass Christopher mit der Rezeptionistin des Hotels eine Affäre gehabt hat, dürfte sie jetzt eigentlich nicht mehr berühren, denn sie sind ja getrennt.

Doch dann findet man seine Leiche, und alle behandeln die Erzählerin als Witwe: die Behörden, das Hotelpersonal, ihre Schwiegereltern. Und jetzt kommt der eigentliche Twist in diesem psychologisch-klaustrophobischen Kammerspiel: Nachdem die Erzählerin zuerst alle Illusionen abgeräumt hat, nimmt sie diese letzte bewusst an – eine besonders abgründige Form der Illusionslosigkeit. Sie spricht nicht über die faktisch ja längst vollzogene Trennung und bleibt so die Witwe ihres Ex-Mannes. Der Tod hat das Paar wieder zusammengeführt.

Katie Kitamura: Trennung. Roman; aus dem Englischen von Kathrin Razum; Hanser Verlag, München 2017; 253 S., 22,– €