Groß, so groß wie möglich, sollte die Türkei sein. Im Südosten würden Mossul und Aleppo dazugehören, im Westen Terrain, das heute griechisch ist: So stellte es sich 1920 die türkische Befreiungsbewegung unter General Mustafa Kemal Pascha vor. Drei Jahre später – nach langen Kämpfen und blutigen Vertreibungen – fiel das Staatsgebiet, festgelegt im Vertrag von Lausanne 1923, nicht gar so groß aus. Doch Mustafa Kemal, nun Atatürk ("Vater der Türken") genannt, machte seinen Frieden mit dem Erreichten. Die Türkische Republik wurde gegründet. In ihren Grenzen ist sie seither fast unverändert geblieben. Wenn es allerdings nach Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und seiner Regierung geht, muss dies nicht so bleiben.

Seit einigen Monaten zeigen türkische Fernsehsender, Zeitungen und Internetseiten Karten, welche die Pläne von 1920 neu interpretieren. Groß, möglichst groß, soll die Türkei sein. Auf manchen Darstellungen greift sie bis nach Bulgarien und Georgien, teils sogar nach Armenien und Aserbaidschan aus; von "Gebietserweiterungen" ist die Rede. In den Augen Erdoğans ist der Lausanner Vertrag nichts als eine Bankrotterklärung der republikanischen Gründerväter. Lausanne habe nicht nur das Erbe der Osmanen, sondern auch die Ehre der Türkei beschmutzt. Vor allem einige Inseln vor der Ägäisküste erregen seinen Zorn. "Wir gaben Griechenland Inseln, die wir vom Festland aus mit einem Schrei erreichen konnten. Ist dies ein Sieg?", fragte der Präsident kürzlich und kritisierte damit indirekt den ersten türkischen Premierminister İsmet İnönü in seiner Rolle als Delegationsführer in jenen Tagen: "Diejenigen, die an diesem Tisch saßen, haben mit diesem Vertrag falsch gehandelt. Jetzt erleiden wir seine Rückschläge." Dem schloss sich auch die Oppositionspartei CHP von Kemal Kılıçdaroğlu an, um in populistischer Weise die Regierung noch zu übertrumpfen: "Diese Inseln gehören uns. Dort weht die griechische Flagge. Sie befinden sich im Besatzungszustand."

Der Putschversuch vom Juli 2016, die Spannungen mit Europa infolge von Erdoğans polarisierender Politik, die Anschläge der PKK seit dem Abbruch des Friedensprozesses und der Terror des IS haben den Patriotismus in der Türkei neu entfacht. Der Vertrag von Lausanne scheint nicht mehr ins Selbstverständnis zu passen. Längst ist von der "Zweiten Republik" die Rede, von einer neuen Türkei, die in der "Erhebung des türkischen Volkes" nach dem gescheiterten Putsch ihren Gründungsmythos findet. Woher rührt dieser revisionistische Furor in Politik und Medien?

Am Anfang steht gekränkter Großmachtstolz. 1918 hat das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands den Ersten Weltkrieg verloren. Es droht eine Aufteilung durch die Siegermächte Frankreich, Großbritannien und Italien, Konstantinopel (Istanbul) ist von alliierten Truppen besetzt. Fern in Paris haben unterdessen die Friedensverhandlungen begonnen. In dieser Situation stellen sich Mustafa Kemal Pascha und seine Mitstreiter an die Spitze der Befreiungsbewegung, um die Hauptstadt wieder unter Kontrolle zu bringen und die vorrückende griechische Armee in Westanatolien zurückzuschlagen, die im Mai 1919 an der ägäischen Küste gelandet ist.

Im ganzen Land herrscht Hunger, überall sind Besatzungstruppen stationiert, die Gesellschaft ist zerrissen: Griechische Soldaten, die Massaker an Muslimen verüben, werden von den osmanischen Christen als Befreier gefeiert, wie zuvor die Briten und Franzosen. Religiöser und nationaler Hass flammt auf. Der Journalist Süleyman Nazif schreibt damals: "Die Freudenkundgebungen beim gestrigen Einmarsch des französischen Generals in unsere Stadt durch einen Teil unserer Mitbürger haben in den Herzen der Türken und Muslime eine Wunde geschlagen, aus der für alle Ewigkeit Blut fließen wird."

Als Reaktion auf die Besatzung verabschiedet das Parlament in Istanbul im Januar 1920 den "Nationalpakt" (Misak-ı Millî), der zum Grundsatzprogramm des Befreiungskampfes wird. Der Pakt stellt eine Übereinkunft zwischen der Sultansregierung, der Hohen Pforte, im besetzten Konstantinopel und der neuen Nationalregierung unter Mustafa Kemal in Ankara dar. Unter anderem sieht er Volksabstimmungen in Westthrakien, Thessaloniki und den östlichen Provinzen sowie in den arabischen Gebieten im heutigen Syrien vor (die bis 1914 unter osmanischer Oberhoheit standen), um deren Anschluss zu erwirken. Exakte Grenzplanungen, wie türkische Medien es seit einiger Zeit suggerieren, gab es allerdings nicht.

Die Siegermächte, allen voran Großbritannien, reagieren ablehnend auf die türkischen Forderungen. Im Pariser Vorort Sèvres handeln sie 1920 einen Friedensvertrag aus, der gemäß den Vorstellungen des britischen Außenministers Lord Curzon ein für alle Mal jenes "Problem" regeln soll, "das stärker als jeder Faktor das Leben in Europa fast 500 Jahre lang beeinträchtigt hat". Dieses Problem ist in seinen Augen das Osmanische Reich. Nach dem Vertrag von Sèvres, dem orientalischen Pendant zum Versailler Vertrag, soll von ihm nur noch das Kernland Anatoliens übrig bleiben; die arabischen Gebiete soll die Hohe Pforte abtreten. Bereits 1916 hatten sich Großbritannien und Frankreich im Sykes-Picot-Abkommen über die Aufteilung des Nahen Ostens in Mandatsgebiete geeinigt.

Mustafa Kemal will dies nicht hinnehmen. Er will ganz Anatolien als "Heimstatt der Türken" sichern. Die Offiziere unter seiner Führung suchen die offene Feldschlacht. Nach drei langen Kriegsjahren schließlich zwingen sie die Alliierten ein zweites Mal an den Verhandlungstisch, diesmal im schweizerischen Lausanne, wo die europäischen Mächte und Griechenland am 24. Juli 1923 einen neuen Vertrag mit der türkischen Nationalregierung schließen. Er beendet den Krieg, legitimiert den blutigen Bevölkerungsaustausch mit Griechenland (Hunderttausende Menschen werden auf beiden Seiten vertrieben) und macht den Weg frei für die Proklamation der Republik Türkei im Oktober 1923 – in Grenzen, die deutlich weiter gefasst sind als im Vertrag von Sèvres, allerdings nicht ganz so weit wie im Nationalpakt erträumt.