Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Ein kleiner Junge an einer Bushaltestelle irgendwo in der Pampa. Neben ihm sitzt ein Mann, dessen Gesicht wir nicht sehen. Der Junge gibt dem Mann Ratschläge, sagt: "Mensch Selo, tu was!"

Kurz darauf kommt der Bus. Zum Abschied umarmt der Mann, dessen Gesicht nicht gezeigt wird, den Jungen. Wir sehen seinen Ring. Es ist der Ring von Selahattin (kurz: Selo) Demirtaş, dem Vorsitzenden der Halkların Demokratik Partisi (HDP). Derzeit sitzt er mit zwölf Abgeordneten seiner Partei, der drittgrößten der Türkei, im Gefängnis. Im Videoclip der Nein-Kampagne vor dem Referendum spielt ihn ein Double. Im Wahlkampf-Repertoire der Türkei gibt es so eine Kampagne zum ersten Mal.

Im Nein-Film der größten Oppositionspartei CHP spielen Kinder die Hauptrolle. Ihre Zukunft ist es, über die abgestimmt wird. Der 16. April ist ein Schicksalstag für die Türkei. Das Ergebnis, Ja oder Nein, wird für den auf die Wand zurasenden Wagen entweder Vollgas oder Bremse sein.

Falls die Mehrheit der Wähler aufs Gas tritt, heißt das: Präsident Erdoğan, der sich mit den Befugnissen, die er bereits innehat, zum Sultan macht, bekommt noch einiges mehr. Das Amt des Premierministers wird abgeschafft, der Einfluss des Parlaments wird geschwächt, fortan werden die Fäden der Justiz vom Präsidentenpalast aus gezogen. Wenn Erdoğan es will, kann er das Land dann dauerhaft im Ausnahmezustand per Dekret regieren. Sollte er, wie versprochen, nach dem Volksentscheid wieder die Todesstrafe einführen, geht mit dem knapp hundertjährigen laizistischen System auch das Abenteuer Europa zu Ende.

Und was, falls das Ergebnis "Nein" lautet?

Dann wird eine Vollbremsung das auf die Diktatur zurasende Land erschüttern. Als Ersten wird es den Mann am Steuer hinausschleudern. Seine Gegner werden jubeln, er aber wird den vorbereiteten Text aufsagen: "Wir waren zum Wohlstand unterwegs, sie haben uns gestoppt." Dann wird er alles nur Mögliche tun, um den für ihn negativen Verlauf ins Gegenteil zu verkehren.

Beide Resultate würden eine schwierige neue Phase für die Türkei bedeuten. Allerdings wird ein Nein zweifellos jenen Kräften Auftrieb geben, die für ein freiheitliches, demokratisches, laizistisches, parlamentarisches System eintreten.

Es gibt Wendepunkte, an denen sich das Schicksal ändert, das von Menschen ebenso wie das eines Landes. Am Sonntag, dem 16. April, wird die Türkei an solch einem Punkt stehen und den nahenden Bus erwarten.

Das Ergebnis wird auch die Antwort darauf geben, wohin die Fahrt anschließend gehen wird: zur Demokratie oder zur Diktatur.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe