Redeyef in der Provinz Gafsa im Südwesten Tunesiens ist ein Ort mit staubiger Lunge und tiefroter Gesinnung. Knapp 30.000 Menschen leben hier, in einfachen Häusern, mittendrin die goldglänzende Kuppel einer Moschee. Das eigentliche Zentrum aber liegt am Rand der Siedlung, hinter einer Mauer: Redeyefs Phosphatwerk, eine Fabrik mit Förderbändern hoch wie eine Achterbahn, davor Berge aus grauem Sand. Phosphat ist der Grundstoff für Düngemittel und Tunesiens bedeutendster Bodenschatz. Über Bahngleise wird er von Redeyef ans Mittelmeer und von dort auf Schiffen nach Europa exportiert. Doch wo normalerweise Güterzüge rumpeln, herrscht jetzt: Stillstand. Und inmitten der Gleise, auf einem rostigen Klappbett, sitzt Youssef Tabbabi.

Tabbabi, 31, trägt Jogginghose und die Plastikschlappen derer, für die Schuhe eine echte Investition sind. Seit Januar 2016 blockiert er mit drei Dutzend jungen Männern und Frauen den Zugang zum staatseigenen Phosphatwerk. Sie sind seit Jahren arbeitslos und fordern Jobs. Hinter Tabbabi hängen Transparente mit Slogans der Revolution: "Brot, Freiheit, Würde".

In Tabbabis Kopf wurde vor wenigen Monaten ein Tumor gefunden. Das Phosphat hat viele hier krank gemacht, denn in dem Sand, aus dem es gewonnen wird, sind auch radioaktive Stoffe enthalten. Trotzdem wünscht sich Tabbabi nichts mehr als einen Job im Werk. "Arbeit ist Leben", sagt er.

Arbeitslose Tunesier wie Tabbabi protestieren seit Monaten oder sogar Jahren vor Rathäusern und Fabriken. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote im Land bei rund 15 Prozent, bei Frauen und jungen Hochschulabsolventen ist sie doppelt so hoch. Die tatsächliche Quote dürfte allerdings viel höher sein. Denn so etwas wie Arbeitslosengeld gibt es nicht.

Tunesiens früherer Diktator Ben Ali hatte sich auch an der Macht gehalten, weil er Hunderttausenden Jobs in der Verwaltung gab und Güter wie Brot und Benzin subventionierte. Die Wirtschaft war weitgehend staatlich gelenkt, eine kleine Elite schöpfte die Gewinne ab.

Heute, sechs Jahre nach dem Sturz des Machthabers, ist Tunesiens politisches System halbwegs stabil und halbwegs demokratisch. Aber die Wirtschaftslage ist prekär. Seit der Revolution ist die Volkswirtschaft geschrumpft. Für dieses Jahr sagen Weltbank und Internationaler Währungsfonds zwar ein Wachstum von bis zu 2,5 Prozent voraus. Doch für eine richtige Wiederbelebung ist das zu wenig. Weil die Lebenshaltungskosten stärker steigen als die Löhne, kann sich ein einfacher tunesischer Arbeiter heute weniger leisten als unter dem alten Regime. Das ist nicht nur für Familien wie die von Youssef Tabbabi ein Problem – sondern auch für Deutschland und die EU.