Endlich eine rote Linie gezogen

Richtig! Denn der Westen hat kaum andere Optionen, um das große Leid der Menschen zu lindern, sagt Wolfgang Bauer.

Endlich. Zum ersten Mal hat Donald Trump seit seinem Amtsantritt etwas richtig gemacht. Die 59 Tomahawk-Raketen, die am 7. April um 4.40 Uhr auf dem Luftwaffenstützpunkt Al-Schairat südlich von Homs einschlugen, haben im Syrienkonflikt eine lange Kette von Fehlern und Versäumnissen westlicher Politik beendet.

Endlich. Der Westen hat seit Ausbruch des Bürgerkrieges falsch gemacht, was er falsch machen konnte. Tatenlos hat er seit sechs Jahren der Eskalation der Gewalt zugesehen. Diese Eskalation ging ganz überwiegend vom Regime aus. Der Autor dieser Zeilen hat es mit eigenen Augen gesehen. Etwa als Syriens Diktator Assad zum ersten Mal Kampfhubschrauber einsetzte, die über kleine Dörfer flogen und auf alles schossen, was sich bewegte. Oder als das Regime erstmals mit Kampfjets die Straßen Aleppos bombardierte, gezielt Menschenschlangen angriff, die vor Bäckereien anstanden, gezielt auf Moscheen während des Freitagsgebets feuerte.

Hofften die Menschen in den bombardierten Gebieten anfangs noch, der Westen würde eingreifen, hassten sie diesen Westen bald für sein Nichteingreifen. Der Westen verweigerte ihnen sogar eine Flugverbotszone und beging damit den größten außenpolitischen Fehler, seit sich US-Präsident George W. Bush 2003 entschieden hatte, den Irak anzugreifen. So schlimm die Folgen der Intervention im Irak waren, so schlimm waren die Folgen der Nichtintervention in Syrien. Mit einer Flugverbotszone wären weit weniger Flüchtlinge nach Europa getrieben worden, der Brexit hätte vermutlich nicht stattgefunden und die AfD auch nicht. Mit einer Flugverbotszone wäre in Syrien nicht dieses gewaltige Vakuum entstanden, das den IS erst möglich gemacht hat.

Es war Präsident Barack Obamas historisches Versagen, als er im September 2013 im letzten Moment den Angriff auf syrische Militärflugplätze absagte. Kurz zuvor hatte das Regime erstmals bei Damaskus in größerem Umfang den Nervenkampfstoff Sarin eingesetzt; Hunderte Menschen starben. Das US-Verteidigungsministerium sowie die meisten unabhängigen Waffenexperten gingen davon aus, dass nicht die Rebellen, sondern eindeutig das Assad-Regime Sarin mit sogenannten Vulcano-Raketen verschossen hatte. Doch Obama ließ Assad weiter gewähren. Er versorgte zwar einige der Rebellengruppen heimlich mit panzerbrechenden Waffen. Doch im Großen und Ganzen überließen er (und der Westen) Syrien dem Wüten der regionalen Mächte. Das Land ist heute ein Schlachtfeld, auf dem sich der Iran und Saudi-Arabien, die Türkei und Katar bekämpfen.

Drei Jahre später sind chemische Kampfstoffe zum festen Bestandteil der Kriegsführung geworden. Was die Weltgemeinschaft nach dem Ersten Weltkrieg verhindern wollte, ist in Syrien jetzt Realität. Fast jede Woche verschießt die syrische Armee Chemiekampfstoffe. Nur selten erreichen Nachrichten dieser Gräuel die Weltöffentlichkeit. Für den November und Dezember 2016 etwa dokumentierte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wenigstens acht Fälle, bei denen Hubschrauber Chlorgas-Bomben über Wohnvierteln von Aleppo abwarfen. Die Schuldfrage ist rasch gelöst, auch ohne Einsetzung einer UN-Untersuchungskommission: Die Rebellen verfügen über keine Hubschrauber, nur das Assad-Regime.

Es gab bisher ein klares System hinter dem Schrecken, ein Muster. Assad setzte Giftgas als "Frontbrecher" ein. Giftgas-Granaten bereiteten Angriffe im Ruinenmeer Aleppos vor, sollten "Terroristen" ausräuchern, den syrischen Truppen das Vorfeld ebnen und ihre Verluste mindern. Giftgas-Granaten sollten den eigenen Leuten das Gefühl von technologischer Überlegenheit geben. Ein wichtiges Moment vor einem Angriff mit Infanterie. Es ist unklar, welche Rolle die russischen und iranischen Offiziere dabei einnehmen, die mittlerweile beratend oder mit Spezialeinheiten an den wichtigsten Fronten aktiv sind.

Der Giftgasangriff vom 4. April in der Kleinstadt Chan Scheichun besitzt eine neue Qualität. Weil er weit hinter der Front stattfand, in der Etappe. Weil er unverfrorener als früher ausgeführt wurde, aus großer Höhe, von einem Kampfflugzeug aus. Es kursiert sogar der Name des Piloten, ein alawitischer Generaloberst, der vor wenigen Tagen vom syrischen Verteidigungsminister mit einem Orden ausgezeichnet wurde. Weil er "wichtige Ressourcen der Terroristen" zerstört habe. Es gibt sogar Fotos von der Zeremonie.

Endlich. Zum ersten Mal seit Jahren haben die USA in Syrien eine richtige Entscheidung getroffen. Sie haben ihre Reaktion richtig abgewogen. Kein massiver Angriff, sondern ein präziser Schlag gegen exakt die Einheit, die für den Sarin-Einsatz verantwortlich gemacht wird. Es wurden angeblich 20 Kampfjets zerstört, Instrumente des Massenmords.

Die Reaktion Russlands fiel überraschend zurückhaltend aus. Es kann sein, dass dieser Angriff um Jahre zu spät erfolgte. Aber er ist womöglich die einzige Hoffnung, dass Assad in Zukunft davor zurückschreckt, den Einsatz von Giftgas zu befehlen oder zu billigen. Weil der Einsatz von Giftgas nach dem amerikanischen Militärschlag für ihn größere Risiken als Chancen bietet.