Sollte Uwe Kopf eines Tages als Bruce Springsteen wiedergeboren werden, den Beinamen Boss würde sich der im Januar überraschend verstorbene Hamburger Journalist verbitten. Selbst wenn er noch am Leben wäre, die Einordnung als Urgestein oder Ikone seines Fachs wäre ihm ein Graus. Derlei "Wortschrott" entfernte der einstige Textchef des – sorry – Kultmagazins Tempo umgehend aus den Artikeln. Stattdessen kultivierte er in seinen Kolumnen und Rezensionen, die er jahrelang für Magazine wie Faces, Rolling Stone oder die B. Z. schrieb, einen eigenen Stil: detailversessen, lakonisch und voll schräger Gedankensprünge.

Sein erster und einziger Roman Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe, den er kurz vor seinem Tod fertigstellte, ist die Literatur gewordene Fortsetzung dieses Prinzips: Popliteratur in einer existenziellen Variante. Ein hybrides Gebilde voller Musikernamen, Film- und Buchzitate, aber nicht mit lässigem Ennui auf der Gewinnerseite des Lebens surfend, sondern mit Empathie für Verlierertypen oder "Superversager", wie die Hauptfigur Tom sich selbst im Buch nennt. Kopfs ehemaliger Tempo-Kollege Christian Kracht hat dem Buch einen Blurb, ein lobendes Zitat für die Rückseite, spendiert. Darin nennt er es "sardonisch" – das Gegenteil von sarkastisch. Auf Hamburg übertragen, bedeutet das: aufwachsen in Farmsen-Berne statt in Eimsbüttel, wo die "Künstler" wohnen.

Tom und Sören sind ein ungleiches Brüderpaar. Tom hat keinen Job, keinen Sex und außer Bier und Horrorfilmen auch keine Interessen. Sören hingegen ist Musikjournalist, Frauenverschleißer und überzeugt davon, dass gute Bücher Leben retten können.

Der Roman folgt nun vor allem dem sanftmütigen Tom, der mit seinen langen Haaren aussieht wie Jesus, durch seinen Alltag. Es geht zum Würzfleischessen in Kleinbürgerstuben, zum "Jevern" in diverse Kneipen und ins Bett mit einigen wenigen Freundinnen und "Verlobten", wo dann meistens nichts läuft. Einmal fährt er mit einem Bekannten, einem evangelischen Pastor, nach Freiburg. Dort besucht er seinen alt gewordenen Freund Lori, der zusammen mit seiner Mutter in einem geerbten Reihenhäuschen gestrandet ist: "... und dann sagt Lori auch noch das Allerschlimmste. 'Immerhin, I did it my way' , sagt er und benennt dadurch Frank Sinatra und Harald Juhnke als seine Zeugen, und jetzt weiß ich, dass Lori verloren ist."

Dass auch Tom verloren ist, steht bereits im ersten Satz: Tom, "dieser 40-jährige Junge", wird sich erhängen. Ob er nicht die Wahrheit über sich wissen wolle, fragt ihn eine Ärztin in der Psychiatrie. Sie ahnt nicht, dass diese Wahrheit so unerträglich ist, dass ihr Patient sie tief in sich eingeschlossen hat.

Uwe Kopf, der in dem Roman den Suizid seines Bruders verarbeitet, lässt diesen tragischen Kern bis kurz vor Schluss im Dunkeln. Stattdessen schafft er ein anrührendes, weil unsentimentales, bisweilen sogar heiteres Porträt eines Lebensuntüchtigen. Meistens fungiert Tom dabei als Ich-Erzähler, doch immer wieder wechselt Kopf unvermittelt in die dritte Person, manchmal in einem einzigen langen Satz. Diese Perspektivwechsel sind anfangs verwirrend, aber sie markieren bis in die Erzählstruktur hinein die Entfremdung dieser Figur von sich selbst.

Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe ist ein scheinbar beiläufiges Buch über ein offensichtlich herzzerreißendes Schicksal. Und es ist ein Buch über die Liebe zum Schreiben und die Kraft der Literatur. Tom lässt den möglicherweise lebensrettenden Moment verstreichen, der aus einem "Nichts" einen Mann mit Schreib-Beruf gemacht hätte. Seine Angst, zu versagen, ist zu groß. Ein Glück, dass Uwe Kopf diese Angst immer wieder überwunden hat. Zuletzt mit seinem größten Wurf, einem eigenen Roman.

Uwe Kopf: "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe", Tempo, 320 S., 22 Euro