Was Liebe und Liebesverrat angeht, wird man in der Weltliteratur ja oft und ziemlich gut bedient. Allerdings hat wohl kaum jemand das Fremdgehen und seine emotionalen Verstrickungen so intensiv ausgeleuchtet wie Robert Musil in zwei Erzählungen, die er 1911 in dem Band Vereinigungen veröffentlichte.

An der Vollendung der Liebe begann der 28-jährige Autor 1908 zu schreiben, später auch an der Versuchung der stillen Veronika. Musil rückblickend über diese Arbeit: "Ich habe mich seelisch beinahe für sie zugrunde gerichtet." Tatsächlich steckt das Abgründige an beiden Geschichten in ihrer diffusen, schwer erklärlichen Psychologie – tief hat sich Musil in das Seelenleben seiner Heldinnen hineingefräst. In der Vollendung der Liebe bricht Claudine während einer Reise zu ihrer Tochter kurz aus ihrem Eheglück aus – und zwar mit einem Ministerialrat. Ein "Beliebiger", der als "eine dunkle Breite von Fremdheit" auftaucht. Musil erweist sich als meisterhafter Sezierer des Unbewussten – im Einklang mit dem freudianischen Zeitgeist um 1900. Denn Claudines Motivation bleibt lange im Dunkeln. Aber in ihrem somnambulen Sinnieren, in der Art, wie sie sich träumerisch einlässt, entdeckt sie doch schließlich ihr weibliches Selbst. Claudine spürt sich und ihre Lust, nackt im Hotelzimmer, während der Ministerialrat vor der Tür gierig horcht, bis sie ihn einlässt zum Ehebruch.

Der gestattet Claudine aber gerade die Überhöhung der Liebe zu ihrem Mann: Treue wird erst in der Untreue beglaubigt. Voreilig wäre es, darin nur einen billigen psychischen Trickbetrug zu sehen – zu radikal ist der Weg zu sich selbst, auf den Claudine sich hier begibt.

In der Versuchung der Veronika erzählt Musil die mysteriöse, märchenhafte Geschichte von Veronika und Johannes, in der die Frau das höchste Glück der Liebe im Gedanken an den abwesenden, wohl endgültig verschwindenden Geliebten findet, den sie ständig herbeifantasiert, "da er doch wiederkommen wird". Die Welt Freuds und Schnitzlers findet sich hier ebenso wie der frühe Expressionismus.

Jetzt hat der auf außergewöhnliche Klassikerinterpretationen spezialisierte Schweizer Sinus Verlag die Vereinigungen als Hörbuch veröffentlicht. Und siehe da: Der Sog dieser Erzählungen, das endlos Traumnovellenhafte daran, lässt sich vielleicht doch besser erhören als lesen – jedenfalls wenn man so großartigen Interpreten folgen kann wie Frank Arnold und Dörte Lyssewski. So unterschiedlich die zwei Stimmen sind – er zurückgenommen präzise erzählend, sie mit dunkler, unterschwellig glühender Intensität –, gelingt es ihnen beiden, mit ihrer akustischen Seelenzergliederung in die Zuhörer einzudringen und die Macht des Unbewussten plötzlich plausibel zu machen.

Robert Musil: Vereinigungen. Gelesen von Frank Arnold und Dörte Lyssewski; Sinus, Kilchberg 2017; 4 CDs, 235 Min., 39,80 €