Es ist etwas geschehen im deutschen Wahlkampf. Gerade noch dümpelte er dahin, langweilte mit Debatten über so naheliegende wie diffuse Forderungen nach mehr Gerechtigkeit. Fast wollte man wegzappen aus der Show, die Wahlkampf heißt, da wird es auf einmal spannend. Führende Politiker haben kurz vor Ostern ein Thema in die Runde geworfen, das der Zuschauer nicht ablehnen kann. Es geht um ihn selbst, fast alle sind betroffen: Eltern, Kinder, Großeltern, Enkel. Die Politik will ran an die Familie.

Dabei richten sich die Wahlkämpfer offenbar nach dem berühmten ersten Satz in Tolstois Anna Karenina: "Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich." Und so gibt es, wenn man alle Vorschläge zusammenträgt, ein schier unüberschaubares Angebot. Jedes familiäre Unglück kommt zu seinem Recht – und zu seiner eigenen Gegenmaßnahme.

Die SPD verspricht kostenlose Kitas und ein neues Familiengeld in Höhe von 300 Euro monatlich für die Eltern kleiner Kinder, wenn beide die Arbeitszeit reduzieren. Die CSU kontert mit gleich fünf Ideen. Darunter Baukindergeld und ein ominöses Bildungskonto, auf das der Staat einzahlt. Auch AfD und FDP sind dabei – und haben außergewöhnlich schmissige Bezeichnungen für ihre Familienvorschläge. Während die AfD ein "Baby-Begrüßungsgeld" in den Entwurf ihres Wahlprogramms geschrieben hat – der Begriff ist offenbar entlehnt vom Begrüßungsgeld, das es für DDR-Bürger gab, die nach Westdeutschland kamen –, will die FDP das "Kindergeld 2.0".

Aus Sicht des Marketings ist das gelungen. Die Labels sind perfekt aufs Zielpublikum zugeschnitten. Schade nur, dass viele der Vorschläge weder durchgerechnet noch durchdacht sind. Oft ist nicht klar, was die Vorschlagenden erreichen wollen – außer dass sie ein gutes Gefühl verbreiten.

Dem ein oder anderen scheint zudem nicht bekannt zu sein, welche Leistungen für Familien es heute schon gibt. Zum Beispiel beim Baby-Begrüßungsgeld, das sowohl die AfD als auch die CSU erwägen, die CSU allerdings unter anderem Namen. Paare, die ein Kind bekommen, sollen Geld erhalten, damit sie sich Kinderwagen, Strampler und Wickeltisch zulegen können. Was so ein Begrüßungsgeld kostet, ist leicht zu errechnen. Jährlich werden in Deutschland mehr als 700.000 Kinder geboren. Gibt man den Eltern jedes Neugeborenen beispielsweise 100 Euro, dann kostet es 70 Millionen Euro im Jahr, allerdings sind 100 Euro knapp angesichts von Kinderwagen, die bis zu 1.000 Euro kosten. Erhöht man auf 500 Euro, ist man bei 350 Millionen Euro.

Das ist keine unerträglich hohe Summe für den Bundeshaushalt. Allerdings ist völlig ungeklärt, wem man mit dem Geld eigentlich hilft. Im Durchschnitt haben Paare mit einem oder mehr Kindern in Deutschland ein Nettoeinkommen von 4.700 Euro im Monat. Da ist der Kinderwagen ein eher geringes Problem. Zudem werden viele junge Eltern, wenn sie schon ein paar Familien mit älteren Kindern kennen, regelrecht überschüttet mit Angeboten an gebrauchten Stramplern, Babybetten oder Buggys. Wirklich nützen würde das Geld ärmeren Paaren. Allerdings können Familien, die von Hartz IV leben, schon heute genau solch eine Leistung erhalten. Jobcenter zahlen auf Antrag um die 500 Euro.

Was soll das also? Niemand wird wegen 500 Euro "Begrüßungsgeld" ein Kind mehr bekommen. Es bleibt die Leistung als reines Geschenk an Familien oder schlichter Ausdruck der Kinderfreundlichkeit. Das ist nett, aber vielleicht gibt es doch Drängenderes.