Ein schöner Zeitvertreib an Bord eines Flugzeugs ist, im Inflight-Shoppingmagazin zu blättern und fantasievolle Ranglisten zu erstellen. Bei Air Berlin beschloss ich kürzlich, die Werbetexte für Armbanduhren nach dem Grad der Verzweiflung zu sortieren, der ihre armen Schöpfer offensichtlich plagt. Sie müssen Gründe erfinden, warum ausgerechnet ein austauschbares Massenprodukt ein Ausdruck von Individualität sein soll. Ein harter Job.

Platz drei der Verzweiflungsrangliste vergebe ich an ein Modell von Tommy Hilfiger, das "den leger-sportlichen Stil auf ein neues Niveau" heben will – was immer das heißt. Platz zwei geht an die schwedische Marke Triwa, denn sie "symbolisiert die Verwandlung von Uhren in ein modernes Statussymbol". Hex, hex, das hatten wir noch nie. Den ersten Platz aber belegt mit großem Abstand: Lacoste.

Die Marke mit dem Krokodil gehört heute der schweizerischen Familienholding Maus Frères. Berühmt ist Lacoste für Poloshirts (die zu Lebzeiten des Firmengründers René Lacoste vor bald schon hundert Jahren wirklich neu waren). Seitdem befindet sich das Krokodil auf fast allem, was man kaufen kann. Auch auf Armbanduhren im Inflight-Shoppingprogramm von Air Berlin. Bildunterschrift: "Das Lacoste-Poloshirt neu interpretiert in der Uhrenkollektion". Ganz großes Tennis.

Ich interpretiere das als Ausdruck höchster Verzweiflung. Ich soll eine Uhr kaufen, die eigentlich ein Poloshirt ist. Ein Kleidungsstück, gefangen im Körper eines Zeitmessers. Eine Persönlichkeitsstörung am Handgelenk. Und wenn ich dann noch feststelle, dass die Uhr mit 109 Euro deutlich teurer ist als jedes Lacoste-Poloshirt, darf ich sicher noch hineininterpretieren, dass da jemand eine schöne alte Geschichte ausbeutet, um mit wenig Mühe ein paar Euro zu machen. Aber dankbar bin ich trotzdem. Weil dadurch meine Flugzeit wie im Flug vergangen ist. Auf der Rückreise schaue ich mir die Parfums an.