Man kann Firas Ajouri, 40 Jahre alt, durchaus als ein Musterbeispiel für gelungene Integration beschreiben. Geboren ist er in Damaskus, heute wohnt er in der Mitte Deutschlands, in Bad Hersfeld. Guter Job, ein Haus, er spricht perfekt Deutsch, mit leicht nordhessischem Einschlag. Seine Kinder steuern auf das Abitur zu, ein Sohn will Ingenieur werden, der andere Arzt, die Tochter, noch klein, Prinzessin.

Allerdings kam Ajouri nicht im Herbst 2015 nach Deutschland, sondern vor fast 30 Jahren, mit elf. Integration braucht Zeit, kaum einer weiß das so gut wie er, und vielleicht ist er genau deshalb der richtige Mann am richtigen Platz. Firas Ajouri ist Ausbildungsleiter beim Straßenbaukonzern Strabag, in der Lehrwerkstatt im Städtchen Bebra, Nordhessen, und kümmert sich dort auch um Flüchtlinge.

Tiefbaufacharbeiter und Baugeräteführer werden hier ausgebildet, hält man sich nicht an die Fachsprache: Straßenbauer und Baggerfahrer. Aus ganz Deutschland kommen die Auszubildenden, seit einem Jahr auch aus Eritrea, Somalia und Syrien. Die knapp zwanzig Flüchtlinge sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, vier mit Abitur, manche haben sogar studiert, einige haben in ihrer Heimat nur wenige Jahre die Schule besucht. 20 von 1,2 Millionen Menschen, die 2015 und 2016 nach Deutschland strömten und Asyl beantragten.

Auf die große Euphorie – die Flüchtlinge sind die Lösung für Fachkräftemangel und demografischen Wandel – folgte die große Ernüchterung: Die Geflüchteten sind zu schlecht ausgebildet, keine Fachkräfte von morgen, sondern, wenn überhaupt, für fernere Tage. "Wir schaffen das" gilt nicht für einen Sprint, sondern für einen Marathon.

Handelskammern, Handwerkskammern und Unternehmen, Arbeitsagentur und Bildungsministerium gründeten zahlreiche Initiativen und Zusammenschlüsse, um Flüchtlinge auszubilden und in den Arbeitsmarkt zu bringen. Regionale Netzwerke, landesweite, bundesweite. Sie heißen "Wir zusammen", "Unternehmen integrieren Flüchtlinge" oder "Joblinge". Auch einzelne Unternehmen engagierten sich. Die Zeit drängt: Laut Arbeitsministerin Andrea Nahles beziehen mittlerweile 400.000 Flüchtlinge Hartz IV. Und es werden Monat für Monat mehr. Die Zeit scheint aber auch günstig: 43.500 Lehrstellen konnten 2016 nicht besetzt werden, ein neuer Höchststand. Da muss doch etwas gehen. Was wurde aus all den Programmen, wie lange dauert es, bis aus Flüchtlingen Praktikanten, Lehrlinge und Mitarbeiter werden? Wie schnell lassen sich Hürden wie Sprachprobleme, Lernrückstände, kulturelle Unterschiede überbrücken? Besuche auf den Baustellen der Integration.

80 Prozent der Unternehmer sind mit den Leistungen der Flüchtlinge zufrieden

Über 830 Lehrlinge hat Ajouri in seiner Laufbahn ausgebildet, von Routine kann er trotzdem nicht sprechen. Seit die Flüchtlinge da sind, haben sich seine Aufgaben erweitert. Er muss nicht mehr nur Flächenberechnungen erklären – er ist jetzt auch Deutschlehrer und Deutschlanderklärer. Zuständig für Fragen wie: Ist es okay, wenn hier Männer auf der Straße knutschen?

Eine Theoriestunde in der Lehrwerkstatt an einem Donnerstagnachmittag, Anfang März: Rund zwanzig Strabag-Auszubildende in blau-orangefarbenen Arbeitsoveralls sitzen in den Tischreihen, Einheimische und Flüchtlinge gemischt. Vor sich Taschenrechner und das Übungsheft Tiefbau 2. "Ibsa, magst du vorlesen?", fragt Ajouri. Ibsa quält sich stockend durch eine Aufgabe, in der "Erdarbeiten erforderlich" sind. "Was heißt das?", fragt der Ausbilder, "habt ihr das alle verstanden?" Es dauert, bis die ersten Meldungen kommen. Ajouri erklärt geduldig, lässt weiter vorlesen, es geht um "Aushub" und den "Auflockerungsfaktor". Und es gilt die Regel: Niemand lacht den anderen aus, egal wie schwer ihm die Worte fallen.

"Es ist Arbeit ohne Ende", sagt Ajouri. Aber er macht sie mit Leidenschaft. Es sind seine Jungs. Ajouri sieht ein wenig aus wie der junge Robert de Niro, man kann ihn sich auch gut als Ausbilder bei der Bundeswehr vorstellen, ein harter Hund vielleicht, aber einer, der will, dass seine Jungs es schaffen. Der sie antreibt, aber nicht vergisst, ihnen immer wieder auf die Schulter zu klopfen.