Unter den vielen schlechten Nachrichten aus der Türkei stach kürzlich eine erfreuliche heraus: Die Wirtschaft brummt. Der türkische Vizepremier und Ex-Finanzminister Mehmet Şimşek verkündete, dass die Volkswirtschaft im letzten Quartal des Jahres 2016 um 3,5 Prozent gewachsen sei – und damit viel stärker als erwartet. "Wir haben eine schnelle Erholung und keine Rezession", frohlockte er. Die Türkei habe die heftigen politischen Schocks, die Anschläge und den Putschversuch vom Juli 2016 also, einfach weggesteckt. Wenn die Bevölkerung jetzt noch im Referendum am 16. April "Ja" zur Verfassung von Präsident Tayyip Erdoğan sage, so Şimşek, dann werde die Wirtschaft weiter kräftig wachsen.

Was ist da geschehen? Vor einer Weile war noch zu hören, die türkische Wirtschaft sei schwer angeschlagen. In Berlin wurde bekannt, dass ebenjener Vizepremier Şimşek bei einem Besuch im Februar den deutschen Finanzminister um Hilfe gebeten hatte. Eine Inflationsrate von knapp 10 Prozent, eine Arbeitslosenrate von über 10 Prozent und fast 20 Prozent erwerbslose Jugendliche – diese Zahlen erzählten die Geschichte vom wirtschaftlichen Niedergang eines bis vor kurzem noch erfolgreichen Landes.

In den türkischen Metropolen stehen massenweise Wohnungen und Büros leer. Die Terroranschläge, die politischen Kapriolen der Regierung Erdoğan, die Nähe zu Syrien und die Spannungen mit anderen Nachbarländern haben viele Touristen überzeugt, dass sie vorerst besser nicht mehr in die Türkei reisen. Der Tourismus ist seit 2015 um ein Drittel eingebrochen. Hotels an den Küsten stehen leer und müssen mit Rekordrabatten Besucher werben.

Wer lügt also? Diese Fakten oder der türkische Vizepremier?

Der Istanbuler Ökonomieprofessor Seyfettin Gürsel bestätigt Şimşeks Zahlen. Er stellt sie aber in den nötigen Zusammenhang. Das Wachstum von 3,5 Prozent sei deshalb so hoch, weil die Wirtschaft im vorausgegangenen Quartal um 2,1 Prozent geschrumpft sei. Die Wirtschaft habe sich leicht erholt nach dem tiefen Schock des Putschversuchs vom Sommer 2016.

Diese Zahlen passen zur Aktienrallye an der Istanbuler Börse. Nachdem der Aktienindex ISE- 100 im Sommer 2016 um fast 20 Prozent abgerutscht war, zog er in den ersten Monaten dieses Jahres kräftig an. Der Optimismus der Broker hängt auch mit der Erwartung zusammen, dass Erdoğan das Referendum am kommenden Sonntag gewinnt. Danach, so die Hoffnung der Geschäftsleute, werde sich Erdoğan beruhigen und von der ständigen Polarisierung ablassen.

Türkei - Die Türkei seit dem Putschversuch Wie hat sich die Türkei seit dem Putschversuch im letzten Jahr verändert? Ein Videoüberblick zu den Themen Menschenrechte, Wirtschaft und Europa © Foto: Ozan Kose, AFP/Getty Images