Drei Nachrichten aus nur drei Monaten: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán ändert das Hochschulgesetz, um die bunt-internationale Privathochschule Central European University aus dem Land zu treiben – trotz der Proteste Zehntausender Menschen. Donald Trump droht Klimaforschern mit Budgetkürzungen; der amerikanische Präsident mag nicht an eine menschengemachte Erderwärmung glauben. Recep Tayyip Erdoğans Türkei sortiert die Evolutionstheorie in den Lehrplänen ihrer Schulen neu ein – als nur eine von mehreren Erklärungen dafür, wie das Leben auf der Erde entstanden ist. "Was derzeit als postfaktischer Nationalpopulismus durch die Welt geistert, kann sich zu einer Bedrohung unserer Zivilisation auswachsen", warnt der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. "Wenn Tatsachen zur Seite gewischt werden, dann ist das ein Angriff auf die Aufklärung."

Doch dieser Angriff auf die Aufklärung ist nicht nur das Werk der Faktenverneiner in den Machtpositionen. Die Erosion der Wissenschaft findet auch ganz alltäglich statt, scheinbar harmlos. In den westlichen Industriestaaten müssen Ärzte gegen den Glauben junger Eltern ankämpfen, Viren seien eine Erfindung der Pharmaindustrie und Masern ein harmloses Kinderspiel. Manche Krankenkassen erstatten, um ihren Kunden zu gefallen, die Kosten für homöopathische Traubenzuckerkügelchen, die nachweislich mehr Überzeugungen enthalten als Wirkstoffmoleküle. Und zu Tausenden pilgern aufgeklärte, gebildete Menschen zu Heilern und Schamanen.

Wo Fakten nicht ins Bild passen, werden "alternative Fakten" präsentiert. Schon der Verweis auf wissenschaftliche Gegenargumente gilt den Anhängern manch längst widerlegter Theorie als Zensur. Die Forschergemeinde wird als Establishment verunglimpft, das nur im eigenen Interesse argumentiert. Wo Menschen Unerklärliches propagieren, reicht zur Verteidigung offenbar schon der Verweis, dass auch die Wissenschaft nicht alles erklären kann.

Jetzt endlich formiert sich eine Gegenbewegung, ein Widerstand gegen alternative facts. Am Samstag, dem 22. April, werden weltweit Menschen beim March for Science auf die Straße gehen, in mehr als 500 Städten von Auckland bis Kapstadt, von São Paulo bis Reykjavík. Auch in 19 deutschen Städten werden sie demonstrieren, dafür, "dass wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses nicht verhandelbar sind", wie die Koordinatoren auf www.marchforscience.de schreiben.

Wie konnte es zur Vertrauenskrise kommen?

1. Das Monopol auf Welterklärung wird gleich von mehreren Seiten angegriffen

Wo Politik sich über unbequeme Einsichten hinwegsetzt, wo Expertenwissen nichts mehr gilt, wo Religion zur staatlichen Doktrin wird, wo selbst ernannte Heiler ihre Privatoffenbarung zum erfolgreichen Geschäftsmodell machen, erklärt jeder die Welt, wie sie ihm gefällt. "Jedes Argument ist gleich viel wert" oder "Wer heilt, hat recht" – wenn das gilt, ist wissenschaftliche Erkenntnis nur eine von mehreren möglichen, die wissenschaftliche Methode nur ein Werkzeug neben anderen, das wissenschaftliche Weltbild nur ein Modell unter vielen.

Und in den Echokammern des Social Web finden Menschen mit Überzeugungen, mit denen sie früher allein geblieben wären, leicht Gleichgläubige. Ihre Positionen werden gefestigt, ihre Stimmen verstärkt. Der Egalitarismus des Netzes adelt Außenseiterpositionen, stellt sie gar unter besonderen Schutz: Wo, wenn nicht hier, soll man (fast) alles sagen dürfen?

Und wo Menschen verzweifelt Orientierung suchen, wenden sich viele enttäuscht von der Wissenschaft ab, weil diese keine einfachen Antworten gibt, sondern beständig über Theorien streitet und permanent am Stand des Wissens zweifelt. Das ist der Kern der wissenschaftlichen Methode, zu zuverlässigen Erkenntnissen zu gelangen – paradoxerweise führt gerade er zu einem Verlust an Vertrauen in die Wissenschaft.

2. Zum Misstrauen in ihre Erkenntnisse hat die Wissenschaft selbst beigetragen

Noch nie gab es in Deutschland so viel Geld für Wissenschaft wie heute. Jeden Tag leisten Wissenschaftler Außerordentliches, wenn sie erkunden, wie das Leben besser oder die Gesellschaft gerechter werden kann. Doch oft haben sich Wissenschaftler auch geirrt. Nicht selten haben sie Probleme gelöst – und dabei größere geschaffen. Es gab Phasen, in denen ihre Entdeckerfreude sie zu einem Übermaß an Optimismus verführte: Kernkraft für alle, Krebs für niemanden. Und die Zukunftseuphorie wurde noch gesteigert durch zunehmend scharfen Wettbewerb: Um dem Staat Steuergeld für Laboratorien zu entlocken, machten Wissenschaftler große Versprechen – und mussten bald kleinlaut eingestehen, dass sie diese nicht würden halten können.

Dann gab es Zeiten, in denen sich die Wissenschaft angesichts größter Krisen (Tschernobyl, Fukushima) zunächst ratlos und dann widersprüchlich zeigte. Hilfreich war es nicht, dass Wissenschaftler selbst das Nebeneinander von Wahrheiten zum Konzept erklärten. Und warum ist ihre Stimme in der Öffentlichkeit kaum zu vernehmen, wenn sich, wie in den vergangenen Monaten, die Krisen so häufen, dass man längst von einer Daueralleskrise sprechen kann?

Die prognostische Kraft der Forschung ist begrenzt. Ökonomen haben die Finanzkrise so wenig vorhergesehen, wie Seismologen das nächste Erdbeben vorhersagen können. Aber die Wissenschaft lernte dazu, machte nach außen sichtbar, dass ihr Wesen nicht im Wissen, sondern im Zweifeln besteht. Dass sie nicht Wahrheiten zu verkünden hat, sondern Wahrscheinlichkeiten. Das Bekenntnis sollte zu ihrer Glaubwürdigkeit beitragen. Bewirkt hat es offenbar das Gegenteil.