Wenn Wissenschaftler weltweit am 22. April ihre Labore und Studierstuben verlassen und sich dem "March for Science" anschließen, beschädigen sie damit ihre Glaubwürdigkeit als objektive Forscher? Wenn sie für ihre vom Wissenschaftsfeind Trump bedrängten US-Kollegen demonstrieren, sind das Luxussorgen einer privilegierten Randgruppe?

Nein. Denn was derzeit als postfaktischer Nationalpopulismus durch die Welt geistert, kann sich zu einer Bedrohung unserer Zivilisation auswachsen. Wenn Tatsachen zur Seite gewischt werden, dann ist das ein Angriff auf die Aufklärung. Auf das Denken von Kant, Voltaire und Benjamin Franklin, deren Erkenntnisse im 18. Jahrhundert die Grundlage für unsere moderne Welt legten. Es ist ein Angriff auf die wissenschaftliche Methodik selbst, welche wohlbegründete Vermutungen formuliert, um sie dann gnadenlos niederzumetzeln, wenn sie den Fakten nicht standhalten. Auf ebenjene Methodik, von der jeder profitiert, der einen Zug besteigt, einen Computer einschaltet oder sich gegen Wundstarrkrampf impfen lässt. Hinter den Selbstverständlichkeiten des heutigen Alltags stehen die über Jahrhunderte ausgefeilten Systeme der Physik, Chemie, Biologie.

Aber die Gründungsväter der Aufklärung erklärten zugleich mit Nachdruck, dass Erkenntnis ohne Ethik wertlos ist. Diese Ethik stellt an Forscher zwei Ansprüche. Nämlich sich bei der Suche nach der Wahrheit nicht von Interessen beeinflussen zu lassen. Und die aufgefundenen Wahrheiten nach Maßgabe der humanistischen Werte in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Das bedeutet, Mitverantwortung für die Nutzung und Nichtnutzung der eigenen Erkenntnisse zu übernehmen.

Die Aufklärung fordert Engagement für Toleranz, Meinungsfreiheit, Bürgerrechte. Es ist kein Zufall, wenn neopopulistische Kräfte in den USA und in Europa beides attackieren: das Prinzip der Vernunft wie dessen Einbettung in ein Wertesystem der Menschlichkeit. Bezeichnenderweise hetzt die AfD gegen Wissenschaft genauso wie gegen Flüchtlinge.

Dass die heutigen Nationalisten insbesondere auf die Klimaforschung einschlagen, folgt einer Logik: Die menschengemachte Erderwärmung ist naturgemäß global. Mauern halten keine CO₂-Moleküle auf. Die Ozeanversauerung macht nicht an der 200-Meilen-Grenze halt. Und ebenso grenzüberschreitend wie die Klimafolgen müssen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursachen sein. So beschwört es das Pariser Abkommen zur Begrenzung der Erderwärmung – ein historisch beispielloser Konsens von 194 souveränen Staaten! Für Nationalisten ein unerträglicher Vorgang.

Die Wissenschaft als Tochter und Mutter des Fortschritts ist in Gefahr. Deshalb ist es richtig, wenn Forscher aller Fachrichtungen jetzt gemeinsam marschieren, auch Sozial- und Geisteswissenschaftler. Die Klimaphysik ist nur das erste Ziel der Verdreher. Evolutionswissenschaft und Impfforschung werden von der US-Regierung bereits ins Visier genommen. In der Türkei und Ungarn geraten Wissenschaftler unter Druck. Vielerorts wird die EU hemmungslos geschmäht. Dabei sprechen auch für sie die allermeisten Fakten; nicht zuletzt ist sie eine erfolgreiche Wissens-Union.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Forschung muss in ihren konkreten Verfahren unabhängig von den Wertvorstellungen der individuellen Forscher vollzogen werden. Es gibt keine marxistische oder kapitalistische Wissenschaft, erst recht keine jüdische oder arische. Aber in dem Augenblick, wo eine Formel den Schreibtisch verlässt, kann sie kritischer Bestandteil eines Willensbildungsprozesses werden, der in Parlamenten, auf den Märkten oder in Familien abläuft. Über die Bewertung von Fakten muss diskutiert werden. Stehen Nutzen und Risiken von Atomkraftwerken in einem akzeptablen Verhältnis zueinander? Das kann man unterschiedlich beantworten. Aber dass ein verheerender Unfall mit geringer, jedoch nicht vernachlässigbarer Wahrscheinlichkeit möglich ist, ist ein Fakt: Tschernobyl und Fukushima existieren. Und selbstverständlich gibt es in der Forschung, die an der Grenze zum Unbekannten operiert, Unsicherheiten: Beispielsweise können wir noch nicht sagen, ob das unwiderrufliche Schmelzen von Grönlands Eismassen schon bei 1,5 Grad oder erst bei drei Grad globaler Erwärmung einsetzt. Aber dass dieses große Schmelzen bei ungebremstem Klimawandel tatsächlich geschieht und dann die Ozeane um sieben Meter steigen lässt, ist gesicherte Erkenntnis.

Im nationalpopulistischen Lärmen werden die Themen verdrängt, auf die es für die Menschen, gerade im Interesse ihrer Nachkommen, wirklich ankäme – etwa die Stabilisierung unseres Klimas, eine nachhaltige Energieversorgung, ein evidenzbasiertes Gesundheitssystem. Die Krakeeler müssen also überhaupt nicht regieren, um wissenschaftliche Erkenntnisse platt zu walzen: Es genügt, dass zentrale gesellschaftliche Kräfte aus Furcht vor der Rechtsdrift deren einseitige Themensetzung übernehmen. Dass trotz niedriger Arbeitslosigkeit und geringerer Kriminalität eine nationale Krise beschworen wird.

Dagegen hilft: für Zusammenhalt eintreten. Für scheinbare Selbstverständlichkeiten die Stimme erheben. Deshalb ist es richtig, wenn auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Verantwortung übernehmen und demonstrieren. Sie können auf der Straße davon erzählen, dass ihre Arbeit der Menschheit dient. Sie können dem Klischee entgegentreten, sie seien weltfremd und nur an ihrem Fach interessiert. Sie können zeigen: Wer die Prinzipien der Aufklärung attackiert, und geht es auch erst nur um die Klimaforschung, bekommt es mit uns allen zu tun.