Der Abend sei eine Gelegenheit zu "gegenseitigem 360-Grad-Coaching". So hatte es in der Ankündigung gestanden. Woman Business Lounge, 200 Frauen aus den Sparten Design, Mode, PR und Handel. Ort: Hohe Bleichen, Kaisergalerie, eine überdachte Boutiquenstraße mit Terrazzoboden und Sandsteinsäulen.

360-Grad-Coaching. Heißt das, man dreht sich im Kreis, bis man alle Umstehenden mit Expertise versorgt hat? Und wenn das gegenseitig stattfindet, wie choreografiert man das dann, dass man nicht aneinander vorbeiredet?

Den Marketingjargon besser nicht zu ernst nehmen – die Ladys tun es auch nicht. Sie sprechen lieber offen über Probleme am Arbeitsplatz. Auch die Männer sind Thema, quasi als Sollbruchstelle im Betrieb. Eine Unternehmensberaterin: "Wenn ich diesen Führungskräften was von Coaching erzähle, winken die erst mal ab und sagen, nee, so groß sind meine Defizite auch nicht." Eine Yoga-Lehrerin: "Manager kommen erst, wenn was kaputt ist. Dann heißt es: Den dritten Herzinfarkt überleb ich nicht, ich muss was machen."

Man ist ein Mängelwesen, anthropologisch kurz vor der Ausmusterung. Mit dieser Einsicht schleicht man ans Buffet und legt noch ein paar zusätzliche Fleischspießchen auf den Teller, dazu Mandel-Feigen-Bällchen im Kokosmantel, es ist ja egal. Die Uhr läuft sowieso, warum sich nicht trösten mit Cholesterin?

Eine Moderatorin stellt sich vor, im Nebenberuf Trauerbegleiterin. Ob sie auch existenziellen Kummer behandelt, möchte man fragen, den Schmerz über den Verlust der traditionellen Geschlechterrolle? Aber dann sagt sie: "In der Freizeit boxe ich, viele Männer haben damit ein Problem." Und so lächelt man nur und zerbeißt eine Mandel.