Was für ein Vermächtnis! Fast zwanzig Jahre sind seit dem Tod von Zbigniew Herbert vergangen, seine Gedichte aber haben nichts eingebüßt von ihrer Gedankenklarheit und Grazie, ihrer Anschauungskraft und ihrer Menschen- und Weltzugewandtheit. Abgerungen wurden diese Gedichte einem Katastrophen-Jahrhundert, das alles daransetzte, einem polnischen Dichter das Leben schwer, ja fast unmöglich zu machen. Der 1924 in Lemberg geborene Herbert, der während der deutschen Besatzung eine Untergrundschule besuchte und sich 1943 mit seinem Vater, einem Bankier, dem polnischen Widerstand anschloss, nach der Befreiung in Warschau Jura, Ökonomie, Philosophie und Kunstgeschichte studierte und daneben Gedichte schrieb, hat in diesen schon früh seinen Abscheu vor der Geschichte und dem "Bazillus der Politik" bekundet: "niemals habe ich an den Geist der Geschichte geglaubt / das erfundene Ungeheuer mit dem tödlichen Blick / die dialektische Bestie an der Leine der Häscher". Deshalb erlag Herbert, im Gegensatz etwa zu Czesław Miłosz oder Leszek Kołakowski, die das später bitter bereuten, auch keinen Augenblick lang der kommunistischen Verheißung. In der Stalin-Zeit verbot er sich das Publizieren von Gedichten und schlug sich als Gelegenheitsarbeiter und als Angestellter eines Anzeigenblattes und einer katholischen Revue durch.

Erst 1956, in der Tauwetter-Zeit, erschien Herberts erster Gedichtband Lichtsaite, der verrät, wie sehr dieser Dichter quer zur Zeit stand, verweigerte er sich doch ebenso dem offiziell propagierten Aufbau-Pathos wie der "schwarzen Tonart der Gegenwartslyrik", bot aber auch keinerlei Stimmungslyrik (kein einziges Liebesgedicht!) oder verwegene "Kunststücke der Phantasie", denen Herbert lebenslang misstraute. Stattdessen wiederbelebte er in seinen Gedichten antike Figuren und Mythen, Apoll und Athene, König Midas, Arion und Ikarus, die er als seine Zeitgenossen begriff. Am schönsten ist Nike / wenn sie zögert darf als sein erstes dichterisches Meisterwerk gelten, es endet mit dem Tod des von Nike begehrten Jünglings, der gefunden wird "mit offener Brust / geschlossenen Lidern / und mit dem herben Geschmack des Vaterlands / unter der steifen Zunge".

Trost findet Zbigniew Herbert in der "Treue der Dinge"

Das Gedicht ist auch ein Denkmal für die vielen jungen Polen, die für ihr "wehrloses Vaterland" ihr Leben gaben – ohne es je gelebt zu haben. "Das Murmeln der Gedichte ist so viel wert / wie Atem in ihnen ist von jenen", den Toten, heißt es in Herberts zweitem, 1957 erschienenem Gedichtband Hermes, Hund und Stern. In ihm wagt der "vertriebene Arkadier" Herbert es erstmals, die neue Staatsmacht, vor allem aber deren "Ornamentatoren, Verzierer und Stukkateure" unter den Dichter-Kollegen, scharf zu attackieren. "Fort sind die Hirtenflöten / das Gold der Sonntagstrompeten / der Waldhörner grüne Echos / und auch die Geige ist fort – / nur die Trommel blieb", so beginnt sein Lied von der Trommel , das eine grässliche Zukunft voraussagt: "endlich marschiert die ganze Menschheit / endlich fand jeder diesen Gleichschritt / .......... / totgetrampelt ist das Schweigen".

Dass auch Zbigniew Herbert nicht als Meister vom Himmel gefallen ist, wirkt fast tröstlich. Einige seiner frühen Gedichte belastet noch eine Genitivmetaphorik, die ihre Herkunft aus dem Paris des Surrealismus verrät, andere gefallen sich zu sehr im Allegorischen. Auffallend ist aber, dass sich schon in vielen jenes ureigene Thema Herberts ankündigt, die Liebe zu den Gegenständen und zur "Treue der Dinge" ("man kann ihnen, leider, gar nichts vorwerfen"). Schon 1961 wird ein dritter Gedichtband Herberts ausdrücklich Studium des Gegenstands betitelt sein. Er enthält nicht nur das rasch berühmt gewordene Gedicht Der Kiesel, dessen Botschaft lautet: "Kiesel lassen sich nicht zähmen", sondern preist etwa auch die Tische und Stühle ("Sie haben niemanden niedergetrampelt, niemanden hochgehoben"), die Schublade oder das Knarren des Fußbodens. In einer Schule der Literatur, so Herberts poetologisches Credo, "müsste man vor allem die Beschreibung der Gegenstände üben und nicht die der Träume".

Herbert hat inzwischen Polen den Rücken gekehrt, hat Frankreich, England, Italien, die Niederlande und Griechenland bereist, wovon so wunderbare Reisebücher zeugen wie Im Vaterland der Mythen (ein griechisches Tagebuch), Ein Barbar in einem Garten (Essays zur französischen Gotik und toskanischen Renaissance, zu Lascaux, den Etruskern und zu Montaignes Reise nach Italien) und Stilleben mit Kandare (über die holländischen Maler und Kleinmeister des Goldenen Zeitalters, die auf ihren Bildern das "heilige Ritual der Alltäglichkeit" feiern).

Auch hat Herbert eine verlässliche Hilfe im Kampf gegen die Zumutungen der Welt und insbesondere jene seines Vaterlands gefunden: den "Gott der Ironie". Dieser Gott hat auch "Herrn Cogito" erschaffen, jenes Alter Ego Zbigniew Herberts, mit dem der Dichter erst ganz bei sich selbst angekommen ist.

"Herr Cogito" ist, wie sein Descartes entliehener Name verrät, ein philosophischer Dichter, der über die unterschiedlichsten Themen meditiert: über den "reinen Gedanken", die Entfremdung, die Magie der Träume, die Erlösung ("ER hätte den Sohn nicht senden sollen"), die Hölle (hier ein luxuriöses kommunistisches Künstlerasyl, denn "Beelzebub liebt die Kunst"), über die aufrechte Haltung, die Fantasie, den Pop, die "derzeitige Position seiner Seele", eschatologische Ahnungen, die Musik ("sie betrübt ohne Grund / erfreut ohne Ursache"), das Verschwinden der Freunde, über Spinoza, Maria Rasputin ("Tochter des letzten Dämons"), das Blut, die Tugend, die Langlebigkeit. Wenn "Herr Cogito" sich im Spiegel sieht und seine beiden Beine betrachtet, ähnelt er auffällig seinem Erfinder: "das linke / sprungbereit / tänzerisch / das Leben zu sehr liebend / um sich zu gefährden // das rechte / edel steif / aller Gefahr zum Hohn // so also / auf beiden Beinen / dem linken mit Sancho Pansa vergleichbaren / und dem rechten / das an den irrenden Ritter erinnert / geht / Herr Cogito / durch die Welt / leicht taumelnd". Ein polnischer Ritter von der traurigen Gestalt.

Im Massiv der Cogito -Poeme markieren zwei Gedichte Gipfelpunkte: Herr Cogito meditiert über das Leiden (man muss "spielen mit ihm / sehr behutsam / wie mit einem Kinde / das krank ist / und das man am Ende / mit albernen Kunststücken doch / zu einem schwachen Lächeln / zwingt") und Herrn Cogito, des Reisenden, Gebet, das den frommen, weltfrommen Dichter zeigt, dessen Dankgesang für so viele belebende Begegnungen mit Menschen, Kunstwerken und Naturwundern in franziskanischer Frequenz ertönt. In seinen letzten Lebensjahren, wenn Zbigniew Herbert bereits an die Warschauer Matratzengruft gefesselt ist, wird er in seinen Brevier-Gedichten noch einmal ein ergreifendes Dankgebet anstimmen, das nun den alleralltäglichsten Dingen gilt, die dem Schwerkranken geblieben sind, jenem "Lebenskrempel, worin ich ewiglich rettungslos versinke". Dazu zählen für ihn nicht nur Knöpfe, Stecknadeln, Hosenträger und Brillen, sondern auch "all die Spritzen mitsamt Nadeln, Bandagen, Heftpflaster, schmiegsame Kompressen" und sogar "all die Schlaftabletten mit Namen, wohllautend wie die der Römernymphen".