Kekse sind gut, Whisky ist ab und zu noch besser. Etwas muss die Gesprächspartner entspannen, die Stimmung aufhellen, wenn Verhandlungen beginnen. Zucker oder Alkohol. Darauf können sich fast alle einigen.

An einem sehr heißen Tag Ende Juni 2016 betritt David Gorman das Amt für Katastrophenschutz in Kiew. Er trägt mehrere Plastiktüten mit Keksen in der Hand. Im Amt ist alles braun, Stühle, Tische, Wände. Der Projektor wirft fahles Licht an die Wand: "Ökologische Risiken in der Donbass-Region" steht dort. Die Männer vom Katastrophenschutz und von der ukrainischen Akademie der Wissenschaften warten auf der einen Seite des Tisches, auf der anderen die Männer von den Botschaften Norwegens, Schwedens und Großbritanniens. Sie kennen sich noch nicht, aber sollen schon bald Seit’ an Seit’ kämpfen. Dazwischen bietet David Gorman seine Kekse an, knüpft eine erste Verbindung, die Männer lächeln und setzen sich. Gorman ist 47 Jahre alt und über 1,90 Meter groß, im Sitzen krümmt er seinen Rücken, versucht, sich kleiner zu machen. Er will seine Nachbarn nicht überragen. Wie er wahrgenommen wird, kann darüber entscheiden, welche Richtung die Gespräche nehmen. Ist er zu laut oder zu leise? Zu zurückhaltend oder zu bestimmt? Er muss nicht nur sein Gegenüber im Blick haben, sondern stets auch sich selbst. In Asien darf sein Händedruck nicht zu stark sein, im Nahen Osten nicht zu schwach. Was in dem einen Land respektiert wird, kann im anderen verstimmen.

Gormans Beruf ist das Dazwischensein. Er gehört keiner Seite an, macht sich mit niemanden gemein. Er ist Friedensvermittler und seit 25 Jahren in den Kriegs- und Krisenregionen dieser Erde unterwegs: Israel, Palästina, Bosnien, Liberia, Indonesien, Philippinen, Libyen und seit drei Jahren Ukraine und Russland. Gorman kommt, wenn zwei Konfliktparteien nicht mehr miteinander sprechen. Oder wenn sie nicht wollen, dass die Welt erfährt, dass sie heimlich doch miteinander sprechen. Wenn Regierungen, Rebellengruppen und Milizen unauffällig Kontakt zu ihren Feinden aufnehmen möchten. "Wir reden mit allen, auch mit den Bösen", sagt Gorman.

Immer dann, wenn Konflikte so unlösbar erscheinen, dass die offizielle Diplomatie scheitert, steigen David Gorman und seine Kollegen ins Flugzeug. Gorman arbeitet für das Schweizer Centre for Humanitarian Dialogue (HD Centre), das Zentrum für humanitären Dialog – eine unabhängige Non-Profit-Organisation selbstständiger Friedensvermittler mit Sitz in einer Villa am Genfer See. Sie ist die größte ihrer Art, seit fast 20 Jahren bemühen sich ihre mittlerweile 140 Mediatoren, Krisen und Kriege zu verhindern oder zu beenden. Im Augenblick vermitteln sie in 25 Staaten. Meist werden sie von Regierungen, den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union beauftragt, die das HD Centre neben Stiftungen und privaten Sponsoren hauptsächlich finanzieren. Manche der Einsätze sind so geheim, dass nicht einmal die Namen der Länder bekannt werden dürfen. Die Vermittler verhandeln im Verborgenen, jeder öffentliche Satz zur falschen Zeit kann zerstörerisch wirken. Diskretion ist die DNA ihres Geschäfts.

Deshalb reden sie gewöhnlich nicht über ihre Arbeit. Die ZEIT konnte zwei von ihnen – den Amerikaner David Gorman und den Franzosen Romain Grandjean – fast ein Jahr lang begleiten. Gorman ist Regionaldirektor des HD Centre für Eurasien mit der Ukraine, Grandjean für den Nahen Osten und Nordafrika, also auch für Libyen.

Ukraine und Libyen. Zwei Konflikte, die, je länger sie andauern, immer verworrener, brutaler und aussichtsloser erscheinen.

Was können private Friedensvermittler ausrichten in einer Welt mit derzeit 38 bewaffneten Auseinandersetzungen? Was vermögen sie, was Regierungen, die UN oder die EU nicht schaffen? Und wie bleiben sie dabei unabhängig?

Die Konflikte der Welt

Quelle: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung © ZEIT-Grafik

Der Konferenzraum in Kiew ist klein, von draußen drückt die Hitze herein. David Gorman erzählt, wie er 2014 in die Ostukraine gereist ist. Das Donezbecken ist eines der größten Kohlereviere der Welt und das Zentrum der ukrainischen Schwerindustrie. Nun gehört es zu der von prorussischen Separatisten kontrollierten "Volksrepublik Donezk", die sich von der Ukraine abgespalten hat. Gorman reist zwischen Donezk und Kiew hin und her, er überbringt Botschaften von der einen zur anderen Seite. Im Moment geht es um ein mögliches ökologisches Desaster im Separatistengebiet. Die Böden könnten durch Bombenangriffe verseucht worden sein, der Region könnte das Trinkwasser ausgehen. Deshalb bräuchten die Wissenschaftler aus Kiew dringend Kontakt zum lokalen Wasserunternehmen Voda Donbassa. Aber die Experten beider Seiten dürfen nicht mehr direkt miteinander sprechen. Sie haben Angst, wegen "illegaler Kontakte" zum Feind angezeigt zu werden.

Deshalb bringt Gorman an diesem Tag die ukrainischen Wissenschaftler mit westlichen Diplomaten zusammen. Die Westler sollen sich für sie einsetzen und die Aufmerksamkeit für das Thema erhöhen. "Wir müssen eine ökologische Krise verhindern. Das ist unser Ziel", sagt Gorman am Anfang.

Der Projektor im Konferenzraum wirft Bilder von zerstörten Brücken und Wasserleitungen in der Ostukraine an die Wand. Ewgen Jakowlew, ein älterer Herr von der ukrainischen Akademie der Wissenschaften, erhebt sich. Er trägt eine Liste des potenziellen Schreckens für das Donezbecken vor: Raketen, die Lagerstätten mit Stoffen wie Chlor, Blei oder Quecksilber treffen; Kohleminen, die unkontrolliert geflutet werden, wodurch giftiges Minenwasser an die Oberfläche tritt.

Jakowlew befürchtet, dass all dies schon geschehen ist. Die ganze Region könnte unbewohnbar werden. "Aber wir haben keine Daten darüber, wie die Situation wirklich ist", sagt er.

Die Diplomaten sind still, sie sehen aus, als hörten sie diese Informationen zum ersten Mal. Jakowlew schließt mit den Worten: "Ich erinnere an Tschernobyl und Fukushima, zwei lokale ökologische Katastrophen, die die ganze Welt betrafen. Im Donbass könnte sich eine dritte derartige Katastrophe ereignen. Umweltdesaster kennen keine Landesgrenzen."