Sie ist zum Symbol dafür geworden, dass es in Deutschland nicht mehr gerecht zugeht: die Abgeltungsteuer. Im Kern besagt sie, dass Kapitaleinkünfte pauschal mit 25 Prozent besteuert werden. Dagegen müssen Arbeitnehmer je nach Verdienst bis zu 42 Prozent ihres Einkommens abführen, Solidaritätszuschlag und Reichensteuer noch gar nicht mit eingerechnet.

Arbeit stärker besteuern als Kapital? Das gilt als politisch nicht mehr vermittelbar, weshalb eine ziemlich große Koalition der Steuerreformer die Abgeltungsteuer abschaffen will. "Wer sein Geld durch Aktiengeschäfte verdient, wird künftig nicht mehr weniger Steuern zahlen als einer, der malochen geht", verspricht Vizekanzler Sigmar Gabriel von der SPD. Für Sahra Wagenknecht von der Linken ist es unverständlich, dass das Finanzamt bei den Arbeitnehmern "gnadenlos" zuschlägt, die "Reichsten der Reichen" aber davonkommen lässt. Und sogar Wolfgang Schäuble von der CDU ist bereit, sich von der Abgeltungsteuer zu verabschieden.

Dabei hat ausgerechnet ein sozialdemokratischer Finanzminister die Steuer eingeführt. Peer Steinbrück war das – und er reagierte damit auf die Globalisierung der Finanzmärkte. Früher mussten nämlich auch Kapitalerträge mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert werden. Das Problem: Die Deutschen transferierten ihr Kapital zunehmend ins Ausland, um dem Fiskus zu entkommen. Die Abgeltungsteuer sollte das verhindern, weil sie wegen des pauschalen Steuersatzes direkt von den Banken abgeführt werden kann. Oder wie es Steinbrück formulierte: "Besser 25 Prozent von X als 42 Prozent von nix."

Heute können die Finanzämter jedoch über Landesgrenzen hinweg Informationen austauschen. Das macht Steuerflüchtlingen zunehmend das Leben schwer. Aus Sicht der Gegner der Abgeltungsteuer ist es damit möglich, Kapitalerträge wieder in den Einkommensteuertarif zu integrieren, sodass die Steuerbelastung mit dem Einkommen steigt.

Die Frage ist nur, ob die Kapitalbesitzer durch eine solche Änderung am Ende wirklich mehr zahlen würden. Denn Kapital wird in Deutschland nicht generell niedriger besteuert als Arbeit. Das liegt zunächst einmal daran, dass die tatsächliche Steuerbelastung von Kapitalerträgen häufig mehr als 25 Prozent beträgt. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Einnahmen aus der Abgeltungsteuer laut Bundesfinanzministerium auf 23,7 Milliarden Euro. Davon entfiel mit 17,3 Milliarden Euro der Löwenanteil auf Dividendensteuern, also jene Abgaben, die Aktionäre zu entrichten haben.

Eine Dividende jedoch speist sich aus dem Gewinn eines Unternehmens – und dieser wurde bereits versteuert, weil die Unternehmen in der Regel Gewerbe- und Körperschaftsteuer zahlen. Addiert man diese Abgaben zur Abgeltungsteuer hinzu, ergibt sich einschließlich Solidaritätszuschlag eine Gesamtbelastung von gut 48 Prozent – so haben es die Ökonomen Clemens Fuest vom Münchner ifo Institut und Christoph Sprengel von der Universität Mannheim berechnet. Zum Vergleich: Der Maximalsatz der Einkommensteuer inklusive Soli und Reichensteuer beträgt 47,5 Prozent. Wer Dividenden kassiert, der bezahlt heute also häufig mehr – und nicht etwa weniger – Steuern als ein Arbeitnehmer.

Würde man die Abgeltungsteuer einfach abschaffen und Kapitalerträge wie Arbeitseinkommen besteuern, dann könnten die Steuern für Aktionäre insgesamt schnell auf mehr als 60 Prozent steigen. Das wäre im internationalen Vergleich viel – und womöglich auch nicht mit der Verfassung vereinbar. Es müsste also irgendeine Art Ausgleich gefunden werden, um die Aktionäre nicht übermäßig zu belasten. Genau diesen Ausgleich gab es vor Einführung der Abgeltungsteuer. Damals wurden Dividenden nur zur Hälfte bei der Einkommensteuer berücksichtigt. Und wer Aktien kaufte und sich erst nach mindestens einem Jahr wieder von ihnen trennte, musste auf seine Gewinne gar keine Steuern zahlen. Wegen solcher Zugeständnisse ist unklar, ob eine Rückkehr zum alten System tatsächlich mehr Steuereinnahmen bringen würde.

Aktien vorn

Aufkommen an Abgeltungsteuer, in Mrd. €

Quelle: BMF © ZEIT-Grafik

Nun legen nicht alle Kapitaleigentümer ihr Geld am Aktienmarkt an. Die Ersparnisse können auch auf dem Bankkonto deponiert oder in Anleihen investiert werden (für Mieteinnahmen gilt die normale Einkommensteuer). Dann fallen Zinserträge an. Diese unterliegen nicht der Gewerbesteuer oder der Körperschaftsteuer, weshalb sie tatsächlich weniger stark belastet werden als der Arbeitslohn. Allerdings nur, wenn der durchschnittliche Einkommensteuersatz auch über 25 Prozent liegt, dem Satz der Abgeltungsteuer. Das aber ist laut Finanzministerium bei unverheirateten Alleinverdienern erst ab einem zu versteuernden Einkommen von 50.000 Euro der Fall, bei gemeinsam veranlagten Ehepaaren sogar erst ab 100.000. Der Durchschnittsverdiener in Deutschland zahlt nur 13,8 Prozent Einkommensteuer – und 2,7 Millionen Erwerbstätige werden nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft gar nicht belangt.

Das bedeutet nicht, dass Kapitalbesitzer nicht stärker zur Finanzierung der Staatsaufgaben herangezogen werden könnten. Andere Länder besteuern Zinseinkünfte höher als Deutschland. Es gibt hierzulande keine Vermögensteuer, und bei der Erbschaftsteuer gelten Sonderregeln für Betriebsvermögen. Doch wenn Gabriel suggeriert, dass ein Aktionär grundsätzlich weniger Steuern bezahlt als einer, der "malochen geht", dann stimmt das nicht.