Täuscht dieser Sinkflug? Vor ein paar Monaten erreichte die Alternative für Deutschland (AfD) in bundesweiten Umfragen noch bis zu 15 Prozent. Dann änderte die SPD mit der Nominierung von Martin Schulz die Großwetterlage, das Abschneiden der AfD war plötzlich nicht mehr die spannendste Frage des Wahljahres. In den Umfragen rutschte sie deutlich ab.

Ist kurz vor ihrem Bundesparteitag also Zeit für Entwarnung? Sollte man jetzt noch neue Bücher über die AfD lesen?

Ja, natürlich. Wer hofft, die Partei werde sich im internen Streit um den völkischen Höcke-Flügel selbst erledigen, liegt so falsch wie die Beobachter, die dasselbe im Sommer 2015 nach dem Abgang des Parteigründers Bernd Lucke prophezeiten. Denn einige der Probleme, die die AfD anspricht, existieren ja tatsächlich, die Einsparungen des letzten Jahrzehnts bei den Polizeien der Länder zum Beispiel gingen tatsächlich zu weit.

Auch die Ressentiments in Teilen der Gesellschaft, die von der AfD bedient und verstärkt werden, verschwinden nicht über Nacht. Die Partei verschiebt das öffentliche Koordinatensystem wirksam: Die breit akzeptierte Härte der Regierung gegenüber dem Familiennachzug syrischer Flüchtlinge etwa zeigt es.

Zudem bestellt die AfD den Acker der Ängste mittlerweile professioneller denn je. Zwischen Schwerin und Stuttgart verfügt sie bereits über mehr als 140 Landtagsmandate und Hunderte gut bezahlter Referentenstellen. Die Folgen sind zum Beispiel auf AfD-Veranstaltungen zu sehen: In großer Zahl wuseln dort alerte Jungkader herum, viele Akademiker, etliche Burschenschafter – sie ziehen der einst chaotischen Partei Korsettstangen ein. Auch wenn die allgemeine Hysterie über die Zuwanderung etwas abgeflaut ist, wird die AfD so bald nicht verschwinden.

Von den zahlreichen Büchern, die in diesen Wochen neu erscheinen, sind vier besonders lesenswert. Das gründlichste hat die Spiegel-Redakteurin Melanie Amann vorgelegt. Ihr Buch beginnt an einem zunächst überraschenden Ort: im feinen Berlin-Charlottenburg, im Keller von Thilo Sarrazin. In Ikea-Regalen bewahrt der Ex-Bundesbanker dort reihenweise Ordner mit Fanpost auf. Mit seinen ressentimentgeladenen Interviews und Büchern über türkisch- und arabischstämmige Zuwanderer hatte Sarrazin vor bald zehn Jahren einen, wie Melanie Amann es formuliert, "politischen Rohstoff" angebohrt, der bis dahin nur im Untergrund lagerte. "Wie mit einem Donnerknall" war "Öl in die Luft geschossen" – eine Eruption von Vorurteilen, Hochmut, Hass. Die AfD brauchte den Rohstoff nur noch zu raffinieren.

Detailreich und spannend zeichnet Melanie Amanns Buch Angst für Deutschland den Aufstieg der AfD nach: von Bernd Luckes Angebot an Sarrazin, bei der Parteigründung mitzumachen, und teils dubiosen Finanzspritzen schwerreicher Unternehmer über die ersten Erfolge als Anti-Euro-Kraft und Luckes Abgang Mitte 2015 bis zum Wandel zur offen migranten- und islamfeindlichen Partei. Fast wie ein Krimi erzählt das Buch von Intrigen um Listenplätze und Abhörgeräten, die man hinter Heizungsverkleidungen platzierte, um parteiinterne Gegner zu belauschen.

Kundig porträtiert Melanie Amann wichtige Parteifunktionäre. Doch sie belässt es nicht bei einer Galerie zorniger alter Herren, gescheiterter Existenzen und notorischer Besserwisser, sondern ordnet sie zu Typen und hilft so dabei, den Dauerstreit in der AfD zu überblicken: auf der einen Seite "Ideologen" wie Höcke, Alexander Gauland oder Beatrix von Storch, die zwar divergierende, aber doch politische Großziele verfolgen – seien es nationales Wiedererwachen, reaktionäre Gesellschaftsvorstellungen oder Marktradikalismus. Daneben sieht Amann "Karrieristen", die "primär persönliche" Ziele hätten und zu denen sie auch Frauke Petry zählt. Die Parteichefin treibe richtungslos "wie eine leere Plastikflasche in einer Hafenbucht auf den Wellen" der AfD. "Entscheidend für Petry ist, dass sie oben treibt." Bisher zumindest war ihre oberste Devise die Machtsicherung.

Beide Gruppen leben in Symbiose: "Die Karrieristen profitieren davon, dass die Ideologen Tabus brechen, auf den Marktplätzen auf die Pauke hauen und so große Wählergruppen an die Partei binden. Umgekehrt profitieren die Ideologen davon, dass die Karrieristen die bürgerliche Fassade der Partei stützen" und "in Talkshows bella figura machen". Daneben sieht Amann eine dritte Gruppe, die sie "Idealisten" nennt: oft ältere, gutmütige Leute, die von den anderen Parteien enttäuscht sind und die ehrlich und konkret Probleme lösen wollen, zumeist auf kommunaler Ebene. Sie reiben sich auf und reden sich schön, was Ideologen und Karrieristen treiben. Und viele von ihnen haben die AfD längst verlassen.

Dass die Partei seit ihrer Gründung permanent nach rechts gedriftet ist, erklärt wiederum Justus Bender im stärksten Kapitel seines Buches Was will die AfD?. Diese Rechtsdrift sei nicht Ergebnis irgendeines Planes, schreibt der FAZ-Redakteur Bender, sondern einer fatalen Dynamik: Gründungsimpuls der Partei war das Auflehnen gegen Denk- und Sprechverbote – aber genau deshalb war man später "nicht in der Lage, destruktive Wortbeiträge zu ächten". Gemäßigte Mitglieder waren nicht bereit, radikalen zu widersprechen. "Sie hatten doch nicht eine Partei der Meinungsfreiheit gegründet, um nun Zensur walten zu lassen." Dass aber Antisemitismus etwas gänzlich anderes ist als Kritik an der Euro-Währungspolitik, übersah und übersieht dieses naive Verständnis von Redefreiheit.