Die offiziellen Statistiken der DDR waren oft geschönt, um nicht zu sagen: gefälscht. Bestimmt hatte die Regierung kein Interesse daran, realistische Zahlen über die Atemwegserkrankungen in den verdreckten Industrieregionen des Landes öffentlich zu machen, oder?

Um die Frage nach den Allergien zu beantworten, müssen wir aber nicht auf offizielle DDR-Statistiken zurückgreifen. Unmittelbar nach der Wende nämlich machten sich Epidemiologen auf in die neuen Bundesländer, um dort Daten zu erheben. Aus ihrer Sicht war die deutsche Teilung ein einzigartiges medizinisches Experiment: Ein Millionenvolk mit einem relativ homogenen Genpool wurde in zwei Populationen geteilt, die relativ gleiche Ausgangsbedingungen hatten. Dann folgten 40 Jahre unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Wie unterschiedlich war danach die Gesundheitssituation?

Die Kinderärztin Erika von Mutius teilte die damals gängige Meinung ihrer Zunft, dreckige Luft führe zu Asthma und Allergien. Vor allem Kinder hatte man im Visier. Im Jahr 1990 wurden die ersten Fragebögen in Ostdeutschland verteilt. Das überraschende Ergebnis: Die Eltern im Osten klagten nur halb so häufig darüber, dass ihre Kinder an asthmatischen oder allergischen Symptomen litten, wie jene im Westen. Das konnte man vielleicht noch damit abtun, dass die Ostdeutschen schlimmere Sorgen hatten oder sich einfach weniger beklagten. Im darauffolgenden Jahr machten die Forscher daher objektive Allergietests und Lungenfunktionsmessungen – mit demselben Ergebnis. Sechs Prozent der Ostdeutschen litten unter Allergien, im Vergleich zu zehn Prozent der Westdeutschen.

Inzwischen haben sich die Zahlen in Ost und West angeglichen – und liegen nun bundesweit über 15 Prozent. Und die meisten Allergologen vertreten heute die "Hygienehypothese": Je mehr wir unsere Kinder einer möglichst keimfreien Umgebung aussetzen, desto mehr neigt ihr Immunsystem später zur Überreaktion auf Erreger und Allergene. Dreck härtet ab, Bauern haben seltener Heuschnupfen. Auch wenn es noch viele Fragen zu den Ursachen von Allergien gibt – offenbar haben die Krankheitskeime in den flächendeckend genutzten Kitas und vielleicht auch der Dreck in der Luft das Abwehrsystem der jungen DDR-Bürger gestählt.

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