Die Romane der Wienerin Doris Knecht sind Paradebeispiele für den gelungenen Spagat zwischen U und E, zwischen unterhaltender und anspruchsvoller Literatur. Bevor Doris Knecht 2011 mit Gruber geht als Romanautorin auftrat, machte sie sich einen Namen als Kolumnistin des Falters. Sie schreibt pointiert, oft unverblümt und beherrscht die Register des literarischen Erzählens: den unmerklichen Wechsel der Zeitebenen, den feinen Unterschied zwischen personaler Rede und innerem Figurenkommentar. Und Doris Knecht hat Gespür für Gegenwartssoziologie und plastische Charaktere. Zumal männliche! Gruber, Protagonist ihres Debütromans, von Beruf Manager, in der Freizeit Casanova, war, was man aus dem Leben gegriffen nennt, dabei aber um jene Spanne überzeichnet, welche die Literatur benötigt, um das Leben allgemeintauglich zu verdichten.

Im neuen Roman Alles über Beziehungen ist der Held ebenfalls männlichen Geschlechts. Er heißt Viktor und hat fünf Kinder aus verschiedenen Beziehungen. Im Unterschied zu Gruber lebt er schon zu Romanbeginn mit einer Frau, mit Magda. Nun ist es allerdings so, dass Viktor neben seinem häuslichen Leben mit Magda ein Zweitleben als Weiberheld führt. Drei oder vier Nebenbeigeliebte sind der Normalzustand in Viktors Terminkalender. In Sachen Libido darf der Mann als eine Art Gruber 2 verstanden werden.

Ist es das, woran es im neuen Roman hakt? Mangelt es Viktor an Originalität, weil er sich als Gruberkopie durch den Roman vögelt? Jein. Es liegt vor allem daran, dass sich aus Viktors Casanovatum und allem, was es lebenstechnisch mit sich bringt – flirten, Ausreden erfinden, SMS schreiben, SMS ignorieren –, kein zündender Plot zaubern lässt. Nach 150 Seiten hat man eine Josie, eine Lisbeth und noch ein paar andere Wienerinnen kennengelernt, außerdem Viktor beim Räsonieren über die Eigenheiten der Damen und seine labile Moral zugehört. Aber das lässt sich heute bei jedem Herrenfriseur hören. Als Romanhandlung ist es zu wenig. Über Gruber brach ein echtes Drama herein. Erstens erhielt er vom Arzt eine schlimme Diagnose. Zweitens musste er erfahren, dass auch er ein Herz hat, das nur für eine Frau schlagen will.

Was rund um Viktor ausbricht, ist das mittlere Chaos mittelinteressanter Schürzenjägerei. Magda verlässt ihn, Lisbeth erzählt Josie "die ganze Viktor-Scheiße", Viktor gelobt Besserung, zumindest nimmt er es sich vor. Doris Knecht aber kann auf alle Fälle mehr.

Doris Knecht: Alles über Beziehungen. Roman; Rowohlt Berlin, Berlin 2017; 285 S., 22,95 €, als E-Book 19,99 €