Es ist halb vier Uhr morgens, der Himmel liegt schwer wie schwarze Tinte über den Dächern, als Kristina und ich in den grauen Kleinbus steigen und meine Oma verlassen. Der Kleinbus fährt los, er wird uns nach Polen bringen. Im Rückspiegel schrumpft das Haus meiner Oma. Sie schläft, während wir über leere und dunkle Straßen schleichen.

Der Bus hält vor erleuchteten Hauseinfahrten in schlafenden Dörfern, irgendwo im Bergischen Land, und sammelt Frauen mit großen Koffern ein. Kristina sitzt neben mir, wir schauen aus dem Fenster und starren in den anbrechenden Tag.

Nach einer Stunde sitzen an diesem Morgen im Februar – außer uns und dem Fahrer – fünf Frauen um die 50 im Bus, sie tragen alle denselben praktischen Kurzhaarschnitt, sie reden laut durcheinander. Worüber, verstehe ich nicht, sie sprechen Polnisch. Das Einzige, was ich weiß: Sie alle pflegen eine schwer kranke oder schwer alte Person im Rheinland. So wie Kristina.

Lange Zeit wusste ich von ihr nur, dass sie 56 Jahre alt ist, aus Polen kommt und abwechselnd mit anderen Polinnen alle sechs Wochen bei meiner 89-jährigen Oma lebt, sie weckt und wäscht, bekocht und unterhält.

Kristina ist gewissermaßen unser Ersatz für das Altenheim, in das wir unsere Oma nicht schicken wollen. Die humane Alternative zur Pflege unter Zeitdruck und kaltem Neonlicht. Zwischen 150.000 und 300.000 Pflegekräfte aus Osteuropa sollen in Deutschland arbeiten. Jede Fünfte – nur selten sind es Männer – kommt aus Polen.

Nach deutschem Arbeitsrecht brauchte man für die 24-Stunden-Pflege eigentlich drei Pflegerinnen. Die Frauen sind aber meist in ihrem Herkunftsland bei einer Agentur angestellt und werden entsendet. Ein rechtlicher Graubereich. Auch deshalb steht in diesem Text nur Kristinas Vorname.

Draußen vor dem Busfenster ziehen Autobahnwälder vorbei, Regen verwandelt sich zu Schnee, zurück in Regen. Kristina hat Schnitten für die Fahrt gemacht, für jeden vier: dick mit Käse und Salami belegt, mit Alufolie umwickelt. Außerdem hat sie eine große Reisetasche mitgenommen und einen Karton Waschmittel für 100 Wäschen und eine große Tüte mit Weichspüler. Mitbringsel für ihre Tochter und ihre zwei Schwiegertöchter. "Das kostet in Deutschland weniger und riecht besser", sagt sie.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Kristina kennenlernte. Vor knapp drei Jahren war das, wenige Monate nachdem meine Oma einen Anfall erlitten hatte, von dem wir dachten, es sei ein Schlaganfall, der sich aber als Delirium herausstellte.

Es war das erste Mal, dass nicht mehr meine Oma mir die Tür öffnete, sondern eine schmale Frau mit aufrechter Haltung, blonden Strähnen im Haar und nackten Füßen in den Pantoffeln.

"Hallo, ich bin Kristina", sagte sie mit fester Stimme und dem Händedruck einer Frau, die schwer arbeitet. Bevor ich etwas erwidern konnte, war sie schon wieder in der Küche verschwunden.

"Hast du schon gegessen?", rief sie mir über die Schulter zu. "Ich habe Leberkäse gebraten."

"Nein, danke, ich esse nicht so gerne Wurst."

"Na, so was. Ich kann auch Hühnchen machen."

"Nein wirklich, lieber gar kein Fleisch."

"Okay, dann Eier, zwei oder drei?"

"Eins!"

"Na gut, mache ich zwei. Du isst ja wie ein Vögelchen, meine Güte."