Man wischt sich eins aus, man macht Winkelzüge. Das klingt nach allem Möglichen, aber nicht nach einer konservativen Idee für Europa.

Inzwischen hat sich auch ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen, AfD-Fraktionschef von Baden-Württemberg, von Petry ab- und dem nationalkonservativen Lager zugewandt – aus Wut. Fassungslos macht ihn bis heute, wie sie sich in der Causa Wolfgang Gedeon verhalten habe. Nachdem dessen antisemitische Schriften publik geworden waren, hatte Meuthen versucht, ihn aus der Fraktion auszuschließen. Aber die Partei rebellierte – Meuthen wurde als "Medienhure" beschimpft.

Statt ihm den Rücken zu stärken, habe Petry im Gegenteil die Abgeordneten noch gegeneinander aufgehetzt und sei dann in Stuttgart eingeflogen, um Gedeon zum Austritt zu überreden. Meuthen lag in Trümmern.

Wenn Petry und er die Partei wirklich gemeinsam geführt hätten, sagt Jörg Meuthen, dann wären "problematische Charaktere" (von Rechten möchte er nicht sprechen) ohne Weiteres zu beherrschen gewesen. Man hätte ein "Dream-Team" sein können. Nach dieser Demontage hat er sich auf die Seite Höckes und Gaulands geschlagen.

Spricht man Petry auf den Fall Gedeon an, erzählt sie eine ganz andere, lange Geschichte, deren Kurzfassung so lautet: Sie und ihr Ehemann Marcus Pretzell hätten Meuthen, der damals auf Bundesebene noch unerfahren gewesen sei, ihre strategische Unterstützung angeboten. Der habe das nach anfänglichem Interesse abgelehnt und sich an Berater wie Gauland und Beatrix von Storch gewandt.

Sie habe eingreifen müssen, weil Meuthen – nachdem seine Ausschlussversuche gegen Gedeon gescheitert waren – in Kauf genommen hätte, dass die AfD in der Öffentlichkeit dasteht, als decke sie Antisemiten. Und über das "Dream-Team" kann sie nur lachen. Lange schon habe sich Meuthen hinter ihrem Rücken an Gauland und die weit rechts stehenden AfD-Chefs von Sachsen-Anhalt und Thüringen, André Poggenburg und Björn Höcke, angenähert.

Schon kurz nach dem Essener Parteitag von 2015, erzählt Petry, sei eine konservative Revolution gegen sie verabredet worden. Und sie erinnert an das sogenannte Hintergrundtreffen Gaulands, Meuthens und Höckes mit Journalisten im Sommer 2016 in Berlin, bei dem über charakterliche Defizite der Bundesvorsitzenden und ihres Ehemanns gesprochen wurde. Höcke habe damals gesagt: "Für die Petry brauch ich ein Jahr." Höcke bestreitet das.

Die Sache mit den "charakterlichen Defiziten" ist relevant. Viele Parteifreunde glauben, Petry stehe unter dem Einfluss ihres Ehemannes Marcus Pretzell – den ein Weggefährte des Paares, der Autor Michael Klonovsky, in einem viel beachteten Facebook-Post als "Hochstapler", "Hasardeur", "Blender und Spaltpilz" bezeichnet hat. Petry sei Pretzell "auf tragische Weise ergeben und wird von ihm gesteuert". Das Paar betrachte die Partei ausschließlich als einen Verein, der sich "aus Gefolgsleuten sowie noch nicht kaltgestellten Feinden" zusammensetzt.

Klonovsky hat Pretzell verklagt, weil er ihm für seine Leistungen als Redenschreiber 24.000 Euro schulde.

Beim Gespräch in einem Restaurant in der Düsseldorfer Innenstadt gibt sich Pretzell gelassen. Klonovsky habe ihm zweimal Reden geschrieben. Er sei außerdem darüber im Bilde gewesen, dass eine Kostenübernahme seiner Zuarbeit durch die Brüsseler Verwaltung – die einem Europaabgeordneten wie Pretzell im Prinzip Hilfskräfte finanziert – nicht drin gewesen sei. Aber schuld war nicht die Brüsseler Bürokratie. Klonovsky hatte einen Vertrag mit Pretzell und hat für seine Arbeit nie einen Cent gesehen.

Pretzell ist blitzschnell, charmant und lebhaft. Rote Linien des schlechten Gewissens kommen im Gewitter der Einfälle gar nicht erst auf. Sein Tweet nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidtplatz, "Merkels Tote!", tut ihm nicht die Bohne leid– außerdem habe doch Horst Seehofer genau dasselbe nur in anderen Worten gesagt, als er davon sprach, wir müssten "unsere Flüchtlingspolitik überdenken". Pretzell versteht nicht, dass die "anderen Worte" der Punkt sind.

Wer in diesen Tagen die Frontlinien der AfD abschreitet, bekommt es nicht nur mit dem bekannten unappetitlichen Miasma aus Intrigen, öffentlichen Denunziationen und Hetze zu tun, die man in keiner anderen deutschen Partei findet. Man erlebt auch eine schwere politische Depression, eine Partei, die der eigenen Zukunft wie unter Zwang das Wasser abgräbt. Natürlich hätte eine seriöse Kritik am Euro oder an der Zuwanderungspolitik einen Platz im Bundestag verdient. Aber sich auf diesen Korridor zu beschränken – das reicht der AfD nicht. Alle müssen alles sagen dürfen.

In dieser Lage nun ist Frauke Petry – sei es aus Karrieregründen, sei es aus Rest-Bürgerlichkeit – mit ihrem Antrag ein hohes Risiko eingegangen. Zuvor hat sie signalisiert, was inzwischen immer mehr Menschen dämmert: Es gibt ein Leben nach der AfD.

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