Für die Zeit nach Frauke Petry ist in der AfD schon ein Szenario in Arbeit. Ein Spitzenteam um Alexander Gauland, den Anführer des rechtskonservativen Flügels, steht zur Machtübernahme bereit. Wer im Einzelnen darin vertreten sein würde, so berichtet Gauland am Telefon aus dem fahrenden Jaguar, sei noch nicht ausgemacht. Er habe Petry die Hand gereicht, die habe sie nicht nehmen wollen – da müsse man sich nun halt "anders behelfen". Anders behelfen heißt: Die AfD soll ihrer Vorsitzenden die Gefolgschaft verweigern – und der von ihr geforderten Abgrenzung nach rechts. Die Partei droht ihr prominentestes Gesicht zu verlieren. Und riskiert damit ihren Untergang.

Der Parteitag am kommenden Wochenende soll der AfD die Rettung bringen. Gerade einmal 8 Prozent werden ihr in Umfragen noch zugetraut – fraglich, ob der einstige Shootingstar des deutschen Rechtspopulismus im Herbst in den Bundestag einziehen wird. Der offen ausgetragene Hass der Protagonisten aufeinander, immer neue Hetze gegen den deutschen "Schuldkult" und womöglich auch der Rückgang der Flüchtlingszahlen – all das hilft der AfD nicht in den bürgerlichen Milieus, in denen doch angeblich bis zu 30 Prozent der Wählerschaft zu holen wären. Vorbei ist das Gefühl, das noch vor Monaten herrschte: das freudige Kribbeln einer konservativen Revolution; das Gefühl, längst mitzuregieren, weil die "Altparteien" sich gerade in Sachen Flüchtlingspolitik treiben lassen.

In dieser Lage soll die AfD die Entscheidung treffen, vor der sie sich seit ihrer Gründung 2013 drückt: Wie rechts will sie sein? Frauke Petry legt den 600 Delegierten einen "Zukunftsantrag" vor. Sie will eine Entscheidung erzwingen zwischen "Fundamentalopposition" – die sie mit Alexander Gaulands Namen verbindet – und der "realpolitischen Strategie einer bürgerlichen Volkspartei". 12 von 14 AfD-Landesverbänden haben Petrys Vorstoß bereits abgelehnt. Die Parteichefin spiele "mit Positionen, die sie nicht ernst meint", sagt Hans-Thomas Tillschneider, der Sprecher der rechts außen stehenden "Patriotischen Plattform" in der AfD.

Ist Petrys Antrag also nur eine taktische Volte, mit der sich die Vorsitzende ihrer Konkurrenten entledigen will, wie ihre Kritiker behaupten? Oder ist ihr die Abgrenzung vom rechten Rand ein echtes Anliegen?

Sieben Namen stehen unter dem "Sachantrag zur strategischen Ausrichtung der AfD", wie Petrys Vorstoß offiziell heißt – doch der Ideengeber dahinter bleibt unerwähnt. Nach Informationen der ZEIT inspirierte der Dresdner Politikwissenschaftler Werner W. Patzelt die Verfasser zu den entscheidenden Passagen. Patzelt ist CDU-Mitglied. Er wünscht sich schon lange, dass die AfD zu einer seriösen Partei rechts von der Union werden möge. Euro-Rettung und Flüchtlingspolitik – bei diesen Fragen herrschten "Repräsentationslücken". Die AfD soll nach Patzelts Wunsch nicht eine "NPD light" werden. Sondern eine bundesweite CSU. Patzelt glaubt, dass die Denunziation der AfD seitens des Mainstreams als "rechtsextrem" der Partei seit dem Sturz Bernd Luckes "auch viele rechte Volltrottel zugewedelt hat". Es gehört zu den Ironien der kurzen AfD-Geschichte, dass es ein CDU-Mann ist, der nun die Abgrenzung nach rechts formulieren musste.

Zwar will Petry in Köln eine "Distanzierung von völkischer Ideologie" fordern. Aber sie selbst hat zuvor mehrmals versucht, den Begriff "völkisch" zu dekontaminieren. "Ich sperre mich dagegen, Wörter zu Unwörtern zu erklären", sagte sie in einem Interview. Ein gesundes Verhältnis zu Volk und Nation sei "patriotisch und dezidiert zu trennen vom Nationalismus, den wir nicht befürworten". Und bei einer Rede im Hambacher Schloss im Oktober vergangenen Jahres hatte Petry erklärt, eines Tages werde man auch den Zweiten Weltkrieg nicht mehr ausschließlich aus der "Perspektive der Sieger" beschreiben. Es sei zwar richtig, dass Schüler Konzentrationslager besuchten, um zu erfahren, "was Menschen Menschen antun können". Sie sollten aber auch erfahren, dass "die Amerikaner zuließen, dass deutsche Kriegsgefangene in den Lagern auf den Rheinwiesen an Hunger starben". Das stimmt – aber was soll der Vergleich, außer der Aufrechnung eines industriellen Massenmordes mit der üblen, rechtswidrigen Behandlung von Kriegsgefangenen?

Und war da nicht auch Petrys öffentlicher Schulterschluss mit Europas führenden Rechtspopulisten, das Treffen mit Geert Wilders und Marine Le Pen im Januar in Koblenz? Wie glaubwürdig ist die parteiinterne Abgrenzung nach rechts, wenn man die Nähe zu Europas Rechtesten sucht?

Auch Frauke Petry meldet sich in diesen Ostertagen aus dem fahrenden Auto, allein unterwegs im Familienvan in Niedersachsen. "Wir wollten mit dem Treffen zeigen, dass wir eine eigene Vision für Europa haben", sagt Petry. Mit den EU-Hassern Wilders und Le Pen für Europa werben – vermutlich glaubt Frauke Petry selber nicht so ganz an das, was sie da sagt. Außerdem hätten "die Truppen um Björn Höcke schon monatelang an Le Pen gegraben, in dem Versuch, den Bundesvorstand vorzuführen". Dem habe man zuvorkommen wollen.