Als Erik Frank vor vier Jahren an die Elfenbeinküste fuhr, hatte er kein Ziel, aber viel Zeit. Hinter ihm lag sein Bachelorstudium, vor ihm die monatelange Einsamkeit einer fast verlassenen Forschungsstation, ohne fließend Wasser, ohne Strom. Um ihn herum nur drei ivorische Angestellte und 11.500 Quadratkilometer westafrikanischer Savanne. Als er ein halbes Jahr später nach Deutschland zurückkehrte, hatte er das Thema für seine Doktorarbeit gefunden – denn Frank hatte in Côte d’Ivoire eine Beobachtung gemacht, die niemandem zuvor gelungen war.

"Schau dir dort unten mal die Ameise Megaponera analis an", hatte ihm sein Mentor, der Tropenökologe Eduard Linsenmair von der Universität Würzburg, mit auf den Weg gegeben. Frank tat wie ihm geheißen. Die Ameisen, die er während seines Aufenthalts an der Elfenbeinküste beobachten konnte, gehören zu den größten der Welt. Fast zwei Zentimeter messen sie und leben in unterirdischen Bauten. "Ich fand meine Kolonien im Umkreis von 200 Metern um die Station", erzählt Frank.

Anfangs setzte er sich einfach vor die Eingänge der Ameisennester und wartete. Zuerst bemerkte er einzelne große Tiere, die hervorkletterten – Späher auf der Suche nach Futterplätzen von Termiten. Denn die Ameisen jagen Termitenarbeiterinnen. Diese wären eine leichte Beute, würden sie nicht von wehrhaften Termitensoldaten beschützt. Mit ihren Mundwerkzeugen werden diese Wachposten selbst der Ameise Megaponera gefährlich.

Über die Jahrtausende haben sich die beiden Arten aufeinander eingestellt. Entwickelte die eine wehrhaftere Soldaten, musste die andere mit geschickteren Jagdstrategien nachziehen. Frank sagt: "Was ich dort beobachtete, war das Ergebnis eines evolutionären Wettrüstens, das seit Urzeiten stattfindet."

Entdeckt eine Späherin eine Gruppe von Termiten außerhalb von deren Nest, läuft sie zurück zum eigenen Nest, um ihre Artgenossen zu benachrichtigen. Wenige Minuten später macht sich ein Kommando von mehreren Hundert Tieren auf den Weg, bereit zum Überfall. Kurz vor der Futterstelle der Termiten bilden die Ameisen einen Halbkreis um den Späher, dann wechseln sie in eine offene Formation. Zuerst rücken nun die größten Ameisen (majors) vor. Sie beißen sich durch die erste Verteidigungslinie ihrer Opfer, eine dünne Erdschicht. Durch die entstandenen Löcher krabbeln die kleineren Ameisen (minors). Sie gehen auf die Arbeiterinnen los und töten sie mit ihren Mundwerkzeugen. Für deren Bewacher, die wehrhaften Termitensoldaten, ist die Übermacht zu groß. Beim Versuch, den Angriff abzuwehren, verletzen sie zwar durchschnittlich drei Angreiferinnen pro Beutezug, beißen ihnen Beine oder Antennen ab. Deswegen haben die Ameisen eine besondere Strategie entwickelt: "Nach einer Schlacht werden die verletzten Individuen wieder mit zurück zum Nest getragen", sagt Frank.

Seine Entdeckung, die er in der vergangenen Woche im Fachjournal Science Advances publiziert hat, ist faszinierend. Zwar konnten Forscher schon höher entwickelte Tiere wie Schimpansen oder Delfine beim gegenseitigen Helfen beobachten, doch erstmals weist Frank nun in der Klasse der Insekten ein vergleichbares Verhalten nach.

Generell wird bei Ameisen davon ausgegangen, dass das Individuum wenig zählt, die Kolonie dagegen alles. Wieso helfen die Ameisen verletzten Artgenossen dann überhaupt? Die Antwort hängt mit der Populationsdynamik dieser Tiere zusammen. Ihre Kolonien bestehen aus wenigen Hundert bis 2.400 Tieren, pro Tag schlüpfen durchschnittlich nur 13 Tiere. Da eine Truppe drei- bis fünfmal täglich zum Beutezug ausschwärmt, würden die durchschnittlich zu erwartenden Verluste bald das Ende der Kolonie bedeuten.

Allein gelassen stürbe nämlich rund ein Drittel der Verletzten, weil sie auf dem Rückweg nicht mit dem Rest des Trupps mithalten könnten – und in der Savanne leicht zu Opfern würden. Werden die Versehrten jedoch vom Schlachtfeld getragen, steigt ihre Überlebenschance. Im Schutz der Gruppe erreichen sie ihr Zuhause praktisch immer. Wenn sie ein Bein verloren haben, stolpern sie zwar anfangs noch, lernen aber nach wenigen Stunden im Schutz des Baus, mit dem Handicap umzugehen. Und hat sich ein Termitensoldat an ihnen festgebissen, wird er entfernt, sodass die Ameise am nächsten Beutezug wieder teilnehmen kann. Ausgelöst wird das Helferverhalten übrigens von einem äußerst unerfreulichen Geruch: Verletzte Ameisen verströmen mit der sogenannten Mandibeldrüse eine Mischung aus Schwefelverbindungen – so wie verrottende Eier.

Dass Frank und seine Kollegen solche Forschungen überhaupt machen können, grenzt an ein Wunder und ist nur dem Durchhaltewillen – man könnte auch sagen: der Sturköpfigkeit – eines Mannes zu verdanken. Eduard Linsenmair ist emeritierter Professor für Tropenökologie an der Uni Würzburg. Er baute die Forschungsstation trotz absurder Hürden auf. Ende der achtziger Jahre hatte er genügend Fördermittel zusammen, doch dauerte es neun Jahre, bis auch alle nötigen Stellen ihre Erlaubnis erteilt hatten. Als die Station nach dreijähriger Bauphase fertig war, brach an der Elfenbeinküste ein Bürgerkrieg aus. Binnen zwei Monaten wurde das Lebenswerk Linsenmairs geplündert. 2011 endete der Konflikt. In der Zwischenzeit hatten Wilderer den Park leer geschossen, von der Station standen nur noch die Grundmauern.

Der Professor begann mit dem Wiederaufbau. Heute – Linsenmair ist inzwischen 77 Jahre alt – zahlt sich seine Beharrlichkeit aus: Die Tierbestände im Nationalpark erholen sich, die voll ausgestattete Station ist endlich wieder in Betrieb, und mit seinen jüngeren Kollegen entlockt er der Savanne immer neue Erkenntnisse.

Ein großes Rätsel gibt Megaponera den Wissenschaftlern noch auf: Offenbar ist die Ameise in der Lage, hoffnungslose Fälle von Leichtverletzten zu unterscheiden. Das Tier priorisiert auf dem Schlachtfeld. Wie tut es das? "Daran arbeite ich gerade", sagt Frank, "in einem Jahr weiß ich mehr."

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