Über Peter Tauber erzählt man sich in der CDU zwei Geschichten, die böse geht so: Angela Merkel hat den damals 38-jährigen Tauber im Dezember 2013 zum Generalsekretär gemacht, damit er twittert und die Christdemokraten so erscheinen lässt, wie ihre Vorsitzende, die Kanzlerin, sie gern hätte: modern, sympathisch, jung. Seitdem, so geht die Geschichte weiter, sitzt Tauber brav bei Mutti auf dem Schoß, spielt viel mit seinen Darth-Vader- und Obi-Wan-Kenobi-Figuren – Tauber ist großer Star Wars- Fan – und stört ansonsten nicht weiter. Jetzt, da es ernst wird, übernehmen andere Kernaufgaben eines Generalsekretärs. Dass Tauber nun nichts mehr zu sagen hätte, sei nicht ganz richtig. Das sei die vergangenen dreieinhalb Jahre schon so gewesen.

Die wohlwollende Geschichte ist kürzer: Tauber werde wegen seiner notorisch guten Laune und seines Hangs fürs Unerhebliche – er lässt schon mal wissen, dass er sich mit Gouda, kernlosen Weintrauben und Joghurt-Gummibärchen für CDU-Veranstaltungen rüstet – unterschätzt. Der von ihm organisierte Haustürwahlkampf habe die Saarland-Wahl Ende März auf den letzten Metern gedreht – und mit diesem Konzept werde Tauber auch bei der Bundestagswahl erfolgreich sein.

Die böse Geschichte ist ein wenig zu böse, liegt aber nahe an der Wahrheit. Schließlich hat die Kanzlerin Tauber zwei ihrer Vertrauten ins Konrad-Adenauer-Haus gesetzt, die nun das Kommando übernehmen: Joachim Koschnicke, zuletzt Cheflobbyist von Opel, entwickelt federführend das, was er für Merkel schon bei der vergangenen Bundestagswahl entwickelt hat, die Wahlkampfstrategie. Kanzleramtsminister Peter Altmaier, ihr treuester Vasall, wird das Wahlprogramm schreiben. Tauber ist jetzt ein General ohne Entscheidungsbefugnis und ein Sekretär mit vielen Aufträgen. Damit ist auch klar: Als Generalsekretär ist Tauber gescheitert – weil er scheitern musste.

Die CDU sieht sich gern als eine gesellschaftlich moderne politische Kraft, leidet aber an ihrer gesellschaftlichen Modernität, sobald die Umfragen sinken. Teile der CDU fangen dann umgehend an, den Verlust des Konservativen zu beklagen, und glauben, alles sei wieder gut, wenn vieles so werde, wie es einmal war. In ihrer Schönwetter-Modernität hält die CDU einen Generalsekretär nur sehr bedingt aus, der als Jugendlicher in einer Punk-Band gespielt hat, offen für ein Einwanderungsgesetz eintritt, sich in sozialen Netzwerken besser auskennt als in CDU-Ortsverbänden, gern in Turnschuhen erscheint und Single ist. Locker-lässig schlägt da schnell um in leichtgewichtig. Dass einem Tauber, trifft man ihn in seinem Büro, keineswegs mit Luke Skywalker und der Rückkehr der Jedi-Ritter kommt, sondern mit dem Historiker Eckart Conze und der Suche nach Sicherheit, spielt da keine Rolle mehr. Das Urteil in der CDU ist gefallen: Locker-lässig sind wir wieder, wenn wir die Wahl gewonnen haben.

Für den Ernst der Lage erscheint Tauber zu weich. Tauber stammt zwar aus Hessen, der (einstigen) Trutzburg der CDU-Konservativen, galt in der Jungen Union einst als Rechtsaußen und scheute sich nicht davor, eine Parteigeschäftsführerin gezielt aus dem Amt mobben zu wollen. Doch alle Härte ist gewichen. Tauber tritt heute so geschmeidig auf, als habe er die vergangenen dreieinhalb Jahre in Softlan gebadet. Jung und ohne Hausmacht stieg er zum Generalsekretär auf. Um an der Spitze zu überleben, musste er so werden, wie seine Schöpferin Merkel ihre Generalsekretäre am liebsten hat: harmlos. Tauber sollte nicht polarisieren, sondern gefallen. Wenn man die Reihen des Widersachers einschläfern will – wie bei den vergangenen beiden Bundestagswahlen –, nutzt das. Jetzt, da sich die Lage grundlegend geändert hat und sich die CDU der offenen Schlacht mit einer wiedererstarkten SPD stellen muss, ist Tauber ein harmloser General, den Merkel mitleidlos zur Seite schiebt.

In Wahlkampfzeiten erinnern sich Christdemokraten stets daran, wie Generalsekretäre einmal waren: laut, aggressiv, unverschämt, die ersten Wadenbeißer der Partei. Heute tritt nur noch einer so auf: Andreas Scheuer von der CSU. Der aber ist eher peinlich als erfolgreich. Zu einer Partei, die sich nach einem Rollenmodell von gestern sehnt, passt kein Generalsekretär, der sich als modern versteht. Das spricht weniger gegen Tauber als gegen die CDU.

Bundestagswahl - Die Raute hat ausgedient Der Wahlkampf 2017 wird für Merkel schwierig – und deshalb will sie ihn anders angehen. Zeit für eine neue Gestik, jenseits der Merkel-Raute.