Ich weiß gar nicht, wie sich das anfühlen könnte: dass man weiß, wer man ist", sagt Alejandro Ghersi. "Dass man so bleibt, wie man gerade war." Und er singt: "Quítame la piel de ayer", befreie mich von der Haut des gestrigen Tags.Sein heller, wund barmender Männergesang kündet vom Glück schmerzvoll unerwiderter Liebe und bittet um die Verwandlung in ein anderes Ich.

Wie gewaltige Gischt umbrausen die Klänge den Kopf auf Ghersis neuem Album Arca: Ein Posaunenchor und leiernde Akkorde wie von einem Spinett streben jubilierend dem Himmel entgegen; der Rhythmus darunter könnte von klappernden Metallteilen rühren oder von einer satt schnalzenden Peitsche. Dazu rollen schwere Schläge aus der Zukunft heran, von Klangaureolen umflirrt und von tiefen Bässen zerbebt. Reines Werden, unendliche Transformation: So wie die Musik von Alejandro Ghersi hört sich zurzeit nichts anderes an.

Seit 2012 wirkt der venezolanische DJ und Produzent unter dem Namen Arca. In zahllosen Tracks und auf nunmehr drei Alben hat er einen Sound der Metamorphose erschaffen, in dem alte Gegensatzpaare sich ineinander verschränken: der technische und der organische Klang; das Tanzbare und das Kontemplative; die posthumane Ästhetik der elektronischen Musik und der authentische Subjektausdruck des Songwriterwesens.

Liebt es, sich kunstvoll auf Fotos zu inszenieren: Alejandro Ghersi alias Arca © XL Recordings

Bislang waren seine Kompositionen rein instrumental; wo Stimmen zu hören waren, wurden sie benutzt wie alles andere musikalische Material, klein gehackt, gefiltert und moduliert, verdreht, gedehnt und in sich verfaltet. Auf Arca hört man die Stimme von Ghersi nun erstmals ungeschminkt. Er singt auf Spanisch, in der Sprache der Kindheit, "in der Sprache, in der meine Eltern sich stritten, während ich im Nebenzimmer saß und mich um ihre Liebe sorgte". In der Sprache der Zeit, aus der auch die Traumata stammen, die er in seiner Kunst bis heute zu heilen versucht. "Heute", sagt er, "und für den Rest meines Lebens."

Ghersi wurde 1990 in Caracas geboren und verbrachte seine Kindheit in den USA, wo sein Vater als Investmentbanker beschäftigt war. Als Jugendlicher zog er mit der Familie zurück nach Venezuela, dort lebte er als Luxussohn in einer Gated Community und übte sich am Klavier mit Mahler und Schumann. Doch so privilegiert sein Leben auch schien, so undenkbar wäre es für ihn gewesen, sich in Venezuela als Schwuler zu outen. Zu groß war der Druck der Gesellschaft und die schlichte Angst vor der homophoben Gewalt. Als er die Neigung spürte, versuchte er sie zu verdrängen. Er traf sich mit Mädchen und wünschte sich nichts sehnlicher als ein "normales" Leben. Erst als er zum Studium nach New York zog, fand er die Kraft, zu seinem Schwulsein zu stehen.

"Aber auch dort", sagt er, "hat es noch lange gedauert, bis ich mich selbst lieben konnte und andere Männer – so tief hatte die Selbstverleugnung sich in mein Innerstes gegraben." In seiner Arbeit suche er immer nach Zwischenzuständen, nach "in-between-ness". "Das spiegelt mein Leben: Ich bin nie in einem Zustand der Ruhe gewesen oder des Bei-mir-selbst-Seins."

Zum ersten Mal betrat er 2013 die Bühne mit einer Sammlung von instrumentalen Hip-Hop-Stücken mit dem eigentümlichen Namen &&&&&. Schon damals, wie auf den folgenden Alben Xen und Mutant, hörte man aus seiner Musik einen zutiefst queeren Charakter heraus. Um dieses Gefühl zu erwecken, brauchte Ghersi aber keine Worte und keine Inszenierung von Travestie oder Drag. Das unterscheidet ihn von anderen prägenden Trans-Künstler*innen der letzten Jahre wie etwa Antony alias Anohni. Von vornherein war die queere Ästhetik vielmehr in das musikalische Material gewandert; sie fand sich nicht in Botschaften oder Parolen, sondern in den Weisen der Produktion, in seinem Umgang mit Klängen und Beats. Zu Xen (2014) ließ er den Videokünstler Jesse Kanda Projektionen entwickeln, in denen ein hermaphroditischer Körper sich unablässig verformte, in diesem bildlichen Spiegel präzisierte er die Musik. "Dazu singen wollte ich hingegen lange Zeit nicht", sagt Ghersi, "weil ich dem fixierenden Charakter der Sprache misstraute. Worte schienen mir die Ambivalenz zu zerstören, die ich doch offenhalten wollte."

Und warum singt er nun trotzdem? "Weil ich das Gefühl hatte, ich müsste mich nach allem einmal als Mensch zeigen, in meiner Nacktheit und meinem Unvermögen."