Das Jahr 2006 zählt noch zu der Zeit, als Deutschland von wirtschaftlicher Dauerkrise gezeichnet war. Damals benötigten acht Millionen Menschen staatliche Hilfen, um ein Dasein auf Höhe des Existenzminimums zu fristen. Jeder zehnte Einwohner bezog Hartz IV, Sozialhilfe, Asylhilfe oder andere Leistungen für die Grundsicherung.

Heute, gut zehn Jahre später, hat Deutschland einen langen Aufschwung hinter sich. Doch eines ist nicht anders: Acht Millionen Menschen bewegten sich im Jahr 2015 am Existenzminimum. Wie neun Jahre zuvor hängt jeder zehnte Einwohner am Tropf einer Sozialleistung, die nicht mehr als den minimalen Lebensbedarf deckt. Das zeigt eine nur selten zitierte Statistik aus dem Armuts- und Reichtumsbericht, den die Bundesregierung vergangene Woche verabschiedet hat. Diese Zahlenreihe reicht nur bis zum Jahr 2015, neuere Daten gibt es nicht. Aber sie verrät: Auch nach einem Jahrzehnt guter Wirtschaftslage, die nur kurzzeitig von der Finanzkrise unterbrochen wurde, ist ein großer Teil der Bevölkerung arm und deshalb auf Hilfe des Staates angewiesen.

Im Streit um die "richtige" Definition von Armut und um einzelne Kapitel des jüngsten Regierungsberichts droht diese Erkenntnis fast unterzugehen. Mehr als 600 Seiten umfasst der nunmehr fünfte Armuts- und Reichtumsbericht, doch es scheint, als ob es immer schwieriger wird, das Problem richtig zu erfassen. Man kann die Zahl der acht Millionen Hilfsbedürftigen natürlich relativieren, und man kann sie erklären, aber eines sollte man nicht tun: die Augen davor verschließen, dass es in Deutschland eine große Zahl von Menschen gibt, die es aus der Armut auch in guten Zeiten nicht herausschaffen.

Dass Hilfeempfänger unter Armut leiden, wird manchmal bestritten. Denn der Staat, so das Argument, sorge ja gerade mit seinen Sozialleistungen dafür, dass ihre Existenz gesichert sei und sie eben nicht in Not leben müssten. Das ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Aber die Hilfe, die der Staat gewährt, ist knapp bemessen. Das Arbeitslosengeld II (Hartz IV) beträgt derzeit 409 Euro im Monat für einen Alleinstehenden (ohne Wohnkosten). Wer damit oder mit der genauso niedrigen Grundsicherung im Alter nicht nur vorübergehend auskommen muss, sondern über Jahre, hat es schwer. Bei so einem Leben am Rand der Gesellschaft kann man durchaus von Armut reden.

Viele Sozialforscher fassen den Armutsbegriff ohnehin noch weiter. Für sie gilt jeder als armutsbedroht, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. So gesehen, wären sogar 13 Millionen Menschen in Armutsgefahr.

Wieder schlechter

Empfänger von existenzsichernden Sozialleistungen

Quelle: 5. Armuts- und Reichtumsbericht © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Selbst wenn man diese Einschätzung nicht teilt und lieber nicht von Armut sprechen möchte: Dass die Entwicklung in den letzten vier, fünf Jahren besorgniserregend ist, ist trotzdem offensichtlich. Bis zum Jahr 2011 gab es noch Hoffnung, der Aufschwung werde langsam, aber sicher dafür sorgen, dass mehr und mehr Menschen aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Die Zahl der Hilfeempfänger wurde zwischen 2006 und 2011 immer kleiner (siehe Grafik). Doch seither ist es vorbei mit diesem Trend. Obwohl die Wirtschaft weiter wuchs, schrumpfte die Gruppe der Hartz-IV-Bezieher nicht mehr, sondern blieb in etwa gleich – trotz bester Wirtschaftslage.

Die Bedürftigen insgesamt wurden in dieser Zeit sogar mehr. Sodass wir fast an dem gleichen Punkt angekommen sind wie 2006. Eine Erklärung dafür sind die Hunderttausenden Flüchtlinge, die ins Land gekommen sind. Stand 2015 beziehen rund 800.000 mehr Menschen Asylhilfe als im Jahr 2011. Doch das allein erklärt die Lage nicht. Hinzu kommt die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Hier benötigten zuletzt fast 200.000 mehr Menschen Hilfe als im Jahr 2011. Unter dem Strich ist die Tendenz daher trotz optimaler wirtschaftlicher Voraussetzungen negativ – und daher schrecklich enttäuschend.

Man muss es offen aussprechen: Deutschland hat (wieder) ein Armutsproblem. Für die Flüchtlinge ist es zweifellos ein Fortschritt, in Sicherheit leben zu können und mit dem Nötigsten versorgt zu sein. Allerdings werden auch sie nicht auf Dauer damit zufrieden sein. Und die Zahlen lassen erahnen, wie gewaltig die Aufgabe ist, so vielen Menschen einen Weg aus der Hilfsbedürftigkeit zu öffnen. Seit einigen Jahren schon gelingt das in Deutschland nicht mehr richtig.

Das Thema soziale Gerechtigkeit spielt im heraufziehenden Wahlkampf eine große Rolle. Deshalb wird über Managergehälter gestritten, über Baukindergeld, Familiensplitting, länger gezahltes Arbeitslosengeld I und über befristete Arbeitsverträge. Am Armutsproblem ändert das alles wenig. Dafür gibt es auch keine einfache Lösung. Es wäre nötig, das Hartz-IV-System zu erneuern. Seit Jahren klagen fast alle Beteiligten über bürokratischen Wahnsinn. Nötig sind gute Integrationsprogramme für Flüchtlinge. Und noch besser ausgestattete Schulen, vor allem in sozialen Brennpunkten, damit nicht weiterhin Jahr für Jahr fast 50.000 Jugendliche ohne Abschluss abgehen. Sie sind mit hohem Risiko die Armen von morgen. Doch Voraussetzung für alles Handeln ist in jedem Fall die Erkenntnis: Wir haben ein Problem.