Der EKD-Ratsvorsitzende hat sie ausgesprochen, der Ex-Präsident wird der Einladung folgen. An Himmelfahrt ist ein Gespräch mit der Kanzlerin geplant. Sie werden über Gott und die Welt reden, am Brandenburger Tor, ebendem Ort, den Angela Merkel dem damaligen Senator 2008 für eine Wahlkampfrede noch verweigerte.

1. Barack hat Charisma

Barack Obama war noch kein Jahr im Amt, da erhielt er 2009 den Friedensnobelpreis. Nicht weil er etwa Kriege verhindert hätte! Das Komitee in Stockholm wollte mit dieser Wahl vielmehr den Weltfrieden herbeibeschwören. Das geschah aus einer Art religiöser Erwartung. Denn die Auszeichnung spekulierte auf die Zukunft, statt für Geleistetes vergeben zu werden. Kein Wunder: Barack Obamas Charisma fußt auch auf reiner Verheißung. Deshalb kommt er nun wie gerufen, er bringt mit, woran es dem Kirchentag mangelt. Er kommt nicht mehr als der hemdsärmelige Leader, muss nicht mehr auf dem Boden der Tatsachen stehen. Jetzt darf seine Aura über den Dingen schweben. In seinem Gepäck soll er Hoffnung mitbringen! Sein "Yes we can"-Gefühl soll uns wieder Mut machen, nicht immer nur jener bedröppelte Hoffnungsschlager We shall overcome.

Andreas Öhler

2. Barack macht glücklich

Seit John F. Kennedy hat kein amerikanischer Präsident so sehr zur Verjüngung Amerikas beigetragen wie Barack Obama. Seine Frömmigkeit erhielt er aus keinem religiösen Haushalt, zum Glauben brachte ihn ein anderer: Martin Luther King. Er ist das Missing Link, das den Ex-Präsidenten und den Reformator aus Wittenberg verbindet. Der schwarze Bürgerrechtler träumte im August 1963 in Washington seinen berühmten Traum, dass die Söhne früherer Sklaven und Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen. Seine Rede nach dem Marsch auf Washington hatte dieselbe Wucht wie der Thesenanschlag in Wittenberg. Er veränderte die Zeit danach. Obamba suchte in der Bibel um Rat, als er regierte. In der schwarzen Kirche entdeckte er eine Hoffnungsquelle für den Kampf für sozialen Wandel, Freiheit und Menschenrechte. Den Rassismus bezeichnet er noch heute als "Erbsünde der Nation". Als Mitglied der United Church of Christ setzt er sich im Sinne der "schwarzen Theologie" für soziale Gerechtigkeit für die Afroamerikaner ein. Der Kirchentag findet in einem Land statt, in dem Hass gegen Fremde wieder vermehrt vorkommt. Die Kirchen kämpfen gemeinsam dagegen an. Da tut es gut, einen Mitstreiter an seiner Seite zu haben: Merkels "Wir schaffen das" und Obamas "Yes we can!" vereinigen sich auf dem Kirchentag.

Andreas Öhler

3. Barack vereint

Obama ist nicht der Papst, er ist größer. Die Bedeutung des Ex-Präsidenten übertrumpft sogar die von Franziskus. Würde das Oberhaupt der Katholiken im 500. Jahr der Reformation die leisen Hoffnungen und all die lauten Befürchtungen wahr machen und zum Kirchentag kommen, bliebe die Veranstaltung verhaftet im innerkirchlichen Klein-Klein. Womöglich käme es zum gemeinsamen Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken. Das wäre eine Nachricht, keine Frage. Sie wäre allerdings in ihrer schieren Unmöglichkeit auch wieder erwartbar, bedeutend sowieso nur für einige wenige, die sich vom theologischen Tamtam noch beeindrucken lassen, die Fortschritte in der Ökumene für ein prioritäres Ziel halten.

Klimawandel, Versöhnung der Völker, Menschenrechte, Religionsfreiheit – Obama und Franziskus sind sich bei den meisten ihrer Themen einig, sie kämpfen für dieselbe bessere Welt. Obama aber ist ein Weltstar, der dem Kirchentag – im Gegensatz zu Papst Franziskus – die Strahlkraft verleiht, nicht nur Protestanten und Katholiken zu versöhnen und zu begeistern, sondern Säkulare und Religiöse. Der Papst interessiert die Kirchgänger, Obama interessiert alle.

Hannes Leitlein

4. Barack sorgt für Streit

Kaum war verkündet, dass Barack Obama den Kirchentag besucht, da stänkerte bereits Peter Hahne. Der Ex-Präsident, so das ehemalige EKD-Ratsmitglied, sei nur ein "abgehalfterter Messias". Durch ihn sei Trump erst möglich geworden, mit ihm werde der 36. Evangelische Kirchentag vollends zur "kirchensteuerfinanzierten Show". Die Kritik, die sich am aktuellen Beispiel formuliert, ist in der Tendenz nicht neu. Von konservativer Seite wird dem verfassten Protestantismus in Deutschland seit Jahren vorgeworfen, zu weichgespült, zu politisch korrekt und zu süchtig nach öffentlicher Anerkennung zu sein. Durch die Obama-Visite werden sich die bestätigt fühlen, die eh schon der Meinung sind, dass Protestanten mehr beten und weniger politisieren sollen, die AfD etwa, der rechte Flügel der CSU. Beide sind auf dem Kirchentag mehr zähneknirschend geduldet als herzlich eingeladen. Zudem wurde das Heilsversprechen Obamas, seine leidenschaftliche Beschwörung einer weltoffenen wie tolerant-liberalen Gesellschaft in den Augen vieler diskreditiert durch die Flüchtlingskrise und den islamistischen Terrorismus. Seitdem ist Obama für seine konservativen Kritiker das Idol eines Systems, das selbst zum Problem geworden ist. Aber so ist das mit Heroen: Sie geben allen Menschen Hoffnung, Freunden und Feinden gleichermaßen.

Raoul Löbbert

5. Barack entspannt

Es gehört zu den Nachteilen einer Beschäftigung als US-Präsident, aus Sicherheitsgründen auf Extremsportarten zu verzichten. Deshalb holt Barack Obama nun nach, was er als mächtigster Mann der Welt entbehren musste: Kitesurfen. Ein Foto zeigt ihn: mit Schwimmweste, Sonnenbrille und so tiefenentspannt, als könnte nichts, nicht mal sein Amtsnachfolger, seine Selbstgewissheit erschüttern. Eine Selbstgewissheit, die ihm auch als Führer der freien Welt stets eigen war. Das Amt, so schien es, wiegt gar nicht so schwer, wenn man es mit Leichtigkeit erträgt. Selbst wenn Obama traurig war, wie in Charleston bei der Trauerfeier für die Opfer eines rassistischen Terroranschlags, schaffte er es, die Trauer so federleicht erscheinen zu lassen, dass jeder sie tragen und teilen konnte. Obama sang Amazing Grace. Worte haben halt ein anderes Gewicht bei ihm. In Deutschland dagegen klingen Worte, wenn es um Gott, Gefühl, das große Ganze geht, immer, als wären sie wohl gewogen und zugleich zentnerschwer. Dem Bemühen merkt man den guten Willen an. Jeder soll umarmt, keiner intellektuell allein gelassen werden. Auf der Strecke bleibt die Lockerheit. Ihr Fehlen macht jeden Kirchentag zum Extremsport für Hoffnungssucher. Was der Kirchentag von Obama lernen kann? Wie man mit Ruhe das Schlimmste erträgt und singt dabei.

Raoul Löbbert

6. Barack macht nostalgisch

Damals war alles besser. Jetzt mit diesem neuen US-Präsidenten erstrahlt Obamas Amtszeit umso heller. Indem wir ihn uns nach Berlin holen, träumen wir auch davon, uns die Zeiten zurückzuholen, die im Rückblick noch überschaubar und harmonisch wirken. Barack Obama ist in Europa der Inbegriff des Guten, er setzte sich etwa, obwohl seine Kirche da eher konservativ war, für die Rechte von Lesben und Schwulen ein. Unter seiner Ägide waren die USA noch bunt, so kommt es uns vor, so regenbogenfarbig wie der Kirchentag. Jetzt wo die Welt "so voller Teufel ist", wie es Luther beschrieb, scheint uns Obama wie ein guter Geist aus der alten Welt, der gegen die schwarze Magie der dunklen Mächte noch etwas aufzubieten hat. Diese unsere Tolkien-Herr-der-Ringe-Welt sieht einfach freundlicher aus mit ihm und Michelle und den beiden Töchtern, sie winkten anders, vertrauensseliger. Und anders als die Putin-, Erdogan- oder Trump-Clans schien es den Obamas nie um Macht zu gehen. Den Mythos eines "einigen Amerikas", den Trump unter allen Umständen erreichen will, indem er die Nation spaltet, hat Obama noch mit einem Schuss Nostalgie versüßt. Obama zuzujubeln ist wie zu Muttern nach Hause kommen, Apfelkuchen essen nach Omis Rezept.

Andreas Öhler

7. Barack garantiert Glamour

In welchem Hotel wird er absteigen? Was wird er essen? Was anziehen? Kommt seine Frau, kommen die Kinder mit? Gar der Hund? Kein anderer Kirchentagsgast bringt diese Fragen aufs Tableau. Mit Barack Obama kommt der Glamour, durch ihn wird das sonst so wenig galaeske Christentreffen für die Regenbogenpresse interessant.

Das Gerücht, Michelle könnte kommen, die First Lady der Herzen, um beim Abschlussgottesdienst in Wittenberg zu predigen, hatte sich seit Herbst wacker gehalten – bis die Pressestelle einen ungewöhnlichen Termin ansetzte: "Auftakt zum Reformationssommer – Prominente in Berlin und Wittenberg". Wenige Stunden vorher dann drang die Nachricht an die Öffentlichkeit: Obama kommt, aber nicht sie, sondern Barack himself.

Bis es Ende Mai so weit ist und Barack mit Angela vor dem Brandenburger Tor plauscht, vertreiben sich die Obamas ihre Zeit auf einer Jacht mit Insel-Hopping in Französisch-Polynesien. Mit von der Partie: Tom Hanks, Oprah Winfrey und Bruce Springsteen. Davor war Obama Kitesurfen mit Milliardär Richard Branson, traf U2-Frontmann Bono zum Dinner und sorgte auch sonst für volle Klatschspalten. Ob er auch die Kirchentagsbänke füllt?

Hannes Leitlein