AfD-Chefin Frauke Petry ist sich sicher: Ihr Thüringer Parteikollege Björn Höcke hat jahrelang unter dem Pseudonym Landolf Ladig Texte in NPD-nahen Zeitschriften veröffentlicht. Höcke bestreitet diese Vorwürfe zwar – denn er will nicht als Verfassungsfeind gebrandmarkt und aus der Partei geworfen werden. Doch die Indizienkette, mit der Petry ihre Theorie jetzt zu beweisen versucht, bringt Höcke in erhebliche Erklärungsnot.

Da sei etwa ein Vortrag aus dem Jahr 2013, in dem Höcke "wörtlich einen Beitrag aus dem NPD-Blatt Eichsfeld-Stimme rezitiert" habe – Autor des Texts ist Landolf Ladig. In ebenjenem Artikel werde auch "das Dorf beschrieben", in dem der in Ungnade gefallene AfD-Mann mit seiner Familie lebt. Zudem nutzen Höcke wie Ladig höchst seltene Begriffe wie "Perturbation", "Behaviorismus", "Entelechie" und "Homöostase". Petry hat alle Hinweise zusammentragen lassen und eine Reihe davon im Antrag auf Höckes Parteiausschluss öffentlich gemacht.

Eine beeindruckende Fleißarbeit zwar – doch Petry fehlt der letzte Beweis für ihre Ladig-These. All das Hörensagen, die semantischen Vergleiche und zeitlichen Überschneidungen belasten Höcke. Gerichtsfeste Beweise aber sind sie nicht.

Die ZEIT ist nun auf einen bislang unbekannten Artikel von Landolf Ladig gestoßen. Der Text mit dem Titel Die Kirchen verraten das Volk ist im Februar 2016 in der rechtsextremen Zweimonatsschrift Volk in Bewegung erschienen. Ladig rechnet darin mit allen kirchlichen Amtsträgern ab, die sich durch ihre Hilfsbereitschaft in der Flüchtlingskrise "am Vernichtungskrieg gegen das deutsche Volk" beteiligten. Er schreibt: "Die Kirchen, die den Plan zur Umvolkung genau kennen, müssten hier ihre Gläubigen schützen, denn es geht um deren Überleben."

Ein neuer Ladig? Nachdem Höcke im April 2013 der AfD beigetreten war, waren keine Texte unter diesem Pseudonym mehr aufgetaucht. Unter anderem dieser Zusammenhang galt als Indiz für Höckes Autorenschaft. Widerspricht die Entdeckung des neuen Texts also der Petry-These?

Nein, sagt Andreas Kemper. Der Soziologe aus Münster beschäftigt sich seit Jahren mit Ladigs Texten – Petry dient er in ihrer Anklage gegen Höcke als Kronzeuge. "In Wortwahl und Stil unterscheidet sich der neue Artikel maßgeblich von allem, was wir bislang von Ladig lesen konnten", erklärt Kemper. Seine Schlussfolgerung: "Ich glaube nicht, dass der neue Text von derselben Person geschrieben wurde, die zwischen 2011 und 2013 unter diesem Pseudonym publiziert hat." Die Äußerung des ehemaligen Thüringer AfD-Funktionärs Heiko Bernardy, laut dem nicht nur Höcke, sondern auch andere Autoren unter dem Pseudonym Landolf Ladig veröffentlichen, stützt Kempers These.

Der Wissenschaftler vermutet ein Ablenkungsmanöver: "Der neue Ladig-Text ist in Volk in Bewegung erschienen, Herausgeber des Blatts ist der NPD-Funktionär Thorsten Heise." Um Höcke zu entlasten, so Kemper weiter, könnte einer der Kameraden aus Heises Umfeld den Artikel geschrieben haben. "Die Theorie, dass während Höckes Zeit in der AfD keine weiteren Ladig-Texte mehr erschienen sind, sollte dadurch entkräftet sein." Aber auch hier gilt: Juristisch belegen lässt sich diese Vermutung nicht.